Arbeit&Wirtschaft 1/201338 Schwerpunkt Ganz nah an ganz unten Slum-Tourismus ist der neue Trend am Reisemarkt – doch so neu sind die Ausflüge zu den Armen und Ausgegrenzten auch wieder nicht. A usflüge in großstädtische Armen- viertel sind zwar an sich kein ganz neues Phänomen, aber dennoch ist der sogenannte Slum-Tourismus ein relativ junger Teil der Reise branche. Wiener Ferienmesse Anfang Jänner: In- fotainment in Reinkultur, alpenländische Volksmusik vermischt sich mit exotischen Klängen, thailändische Maskentänzer beim Pausen-Kaffee mit einem Pärchen in Lederhose und Dirndl … Führungen durch Slums oder Favelas sind hier (noch?) kein Thema. Wer allerdings bei Google das Stichwort Slum-Tourismus eingibt, wird schon wesentlich schneller fündig. Abseits der Postkartenidylle Von Jakarta über Kapstadt und Mumbai bis Rio de Janeiro werden abseits der üb- lichen Sightseeing-Routen immer häufi- ger auch Slum-Führungen angeboten. In den „Kampungs“ (Slums) der indonesi- schen Hauptstadt Jakarta kann man etwa im Rahmen der Social Humanity Tour die Ärmsten der Bevölkerung zu Hause besuchen und ihren Alltag besser kennen- lernen. Wie in den meisten Armenvierteln weltweit verdient auch hier der größte Teil der BewohnerInnen sein Geld im „infor- mellen“ Sektor mit kleinen persönlichen Dienstleistungen, zum Teil mit dem Sam- meln und Recycling von Müll. Rund ein Viertel der 240 Mio. IndonesierInnen le- ben in Armut, auf der Insel Java gibt es ca. 1,5 Mio. Straßenkinder. Nicht alle TouristInnen wollen diesen Teil der Rea- lität so weit wie möglich ausblenden, sie wünschen sich authentische Eindrücke abseits der Postkartenidylle. Viktorianisch wallraffen Wie weit steckt wirklich soziales Engage- ment dahinter, oder geht es hier vor allem um Abenteuer- und Schaulust? Diese Fra- ge stellte man sich schon vor mehr als 100 Jahren. Damals musste man zur Erkun- dung der Armut Europa nicht verlassen, sondern nur das Elendsviertel ein paar Straßen weiter besuchen. Wohlhabende konnten sich schon als Entdecker fühlen, sobald sie diese Terra incognita betraten, in der Schmutz, Krankheiten und Unge- ziefer lauerten. Sozialwissenschaftler, Stadtforscher, Reporter und KünstlerIn- nen waren die ersten, die sich mit dem Phänomen der Armut in den Städten be- schäftigten. Im Rahmen einer Studie ließ sich etwa die aus reichem Hause stammen- de und sozial engagierte Beatrice Potter 1887 als jüdische Näherin anlernen und arbeitete in einem Londoner Sweatshop. Der Londoner Autor James Greenwood verkleidete sich als Obdachloser und be- schrieb 1866 seine Erlebnisse in einem Männerheim in dem Buch „A Night in a Workhouse“. Es entstand ein regelrechtes Disguise-Business, bei dem es bald nicht mehr nur um soziales Engagement oder das Anprangern von Missständen ging. Die Reporter fungierten zum Teil einfach als Kundschafter für das sensationslüster- ne Publikum. Mit dem Aufkommen der Fotografie waren naturgetreue Dokumentationen des Elends möglich. In Wien veröffentli- chte Max Winter in der Arbeiter-Zeitung zahlreiche Sozialreportagen, für die er meist verkleidet bei den Obdachlosen oder in Gefängnissen recherchierte. Da- raus entstand 1905 sein Buch „Im unter- irdischen Wien“, unter anderem auch mit Berichten über die Kanalstrotter, die Knochen und Fett aus der Kanalisation fischten und an die Seifenindustrie ver- kauften. Ausgestattet mit einer Kamera wird so mancher „Slummer“ vermutlich nicht lange unerkannt geblieben sein. Doch das tat dem Erfolg der Sozialre- porter keinen Abbruch. In der Wiener Urania waren die Lichtbild-Vorträge der beiden Slummer Hermann Drawe und Emil Kläger, die „in Elendskleidung“ auftraten, monatelang ausgebucht. Un- ter den wohlhabenden Großstädtern wurde es regelrecht modern, sich – meis- tens verkleidet – unter das einfache Volk zu mischen. „Wie die Armen in Paris essen“ Die teilweise heftig umstrittenen Themen Armut und Armenfürsorge beschäftigten Autorin: Astrid Fadler Freie Journalistin B u c h t I p p Werner Michael Schwarz, Magarethe Szeless, Lisa Wögenstein Ganz unten – Die Entdeckung des Elends Verlag Christian Brand stätter, 2007, 256 Seiten, € 39,90 ISBN 978-3-85033-095-4 Bestellung: ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132 fachbuchhandlung@oegbverlag.at