Arbeit&Wirtschaft 1/201340 Schwerpunkt Gérard und Wladimir In Russland geht’s den MillionärInnen gut, während die Armut wächst. Doch die ruhigen Zeiten sind für Putin und Co. vorbei! A nfang Jänner erhielt der fran- zösische Schauspieler Gérard Depardieu die russische Staats- bürgerschaft. Der Anlass dafür war die drohende höhere Besteuerung von Reichtum in Frankreich. Davor fürchtet er sich in Russland nicht, denn für Reiche und die FreundInnen Putins ist Russland ein angenehmer Ort. Doch das trifft auf die wenigsten der 143 Mio. Menschen in Russland zu. Auch die Flüchtlinge, die im Winter vor und in der Votivkirche in Wien verzweifelt für ein menschenwürdiges Leben kämpfen, können nur davon träumen, die Staats- bürgerschaft mit allen Rechten ange- boten zu bekommen. Dafür fehlt ihnen das nötige Kleingeld. Extreme Ungleichheit Die soziale Lage in Russland ist alles an- dere als rosig. Nach offiziellen Angaben des russischen Statistikamtes konnte die Zahl der Armen von 42,3 Mio. (2000) auf 18,5 Mio. Menschen (2010) redu- ziert werden. Der in Armut lebende Teil der Bevölkerung fiel nach diesen Zahlen von 29 Prozent auf 13 Prozent. Doch mit Statistiken lässt sich vieles „beweisen“ bzw. verschleiern, und das Statistikamt ist wohl in Russland noch weniger un- abhängig als anderswo. Dramatisch ist die extreme Ungleichverteilung von Ein- kommen bzw. Reichtum. Der Gini-Ko- effizient, der die soziale Ungleichheit misst, zeigt, dass diese in Russland dop- pelt so groß ist wie beispielsweise in Schweden. Russland steht damit in einer Reihe mit Iran, Turkmenistan, Mali und Nigeria. Einige der Superreichen aus Russ- land sind auch in österreichischen No- belorten wie Kitzbühel oder dem Wie- ner Bezirk Döbling mehr oder weniger gerne gesehene Gäste. Manche versu- chen, die hiesige Staatsbürgerschaft zu bekommen (und erhielten dabei auch Unterstützung von prominenter Seite – übrigens wieder von einer Partei, die gleichzeitig scharf gegen Asylwerbe- rInnen schießt). Aktuell gibt es in Russ- land 375.000 Dollar-MillionärInnen. In der Forbes-Liste der MilliardärInnen liegen vor Russland nur die USA und China. Ein Drittel der europäischen MilliardärInnen kommt aus Russland. Moskau ist mit 79 die Hauptstadt der MilliardärInnen und liegt sogar noch vor New York. Schätzungen sprechen davon, dass sich der Klub der Reichen in Russland bis 2020 verdoppeln oder so- gar verdreifachen könnte. Viele der heutigen Spitzenpolitike- rInnen, OligarchInnen und Superreichen kommen aus dem ehemaligen stalinisti- schen Partei- und Staatsapparat, ergänzt durch Glücksritter, Kriminelle und SpekulantInnen. Es herrscht ein „Gang- ster- und Mafiakapitalismus“, in dem es einige wenige geschafft haben, die ehe- maligen Staatsbetriebe in ihre Hände zu bekommen und die wichtigsten Wirt- schaftsbereiche zu kontrollieren. Es ist eine der korruptesten Formen des Kapi- talismus, in der nicht einmal die be- schränkten demokratischen Möglich- keiten, die es in westlichen Demokra- tien gibt, existieren. „Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“ (Brecht) Mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat keine Ersparnisse. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass tatsäch- lich ca. die Hälfte der russischen Bevöl- kerung chronisch oder zumindest vorü- bergehend arm ist. Der Wechsel von der vorübergehenden in die chronische Ar- mut kann schon durch Ereignisse wie die Geburt von Zwillingen oder die Er- krankung eines Haushaltsmitglieds er- folgen. Die Kinderarmut liegt bei 24 Prozent. Perspektivenlosigkeit und Angst In den letzten 20 Jahren haben sich die Realeinkommen jener 40 Prozent, die am unteren Ende der Einkommensleiter ste- hen, um ein Drittel reduziert oder hal- biert. Der Zusammenbruch des Stalinis- mus und die (Wieder-)Einführung des Kapitalismus haben nicht die erhofften Investitionen gebracht. In den ersten zehn Jahren wurden ca. 40 Prozent der Industrie – und damit auch die Arbeits- plätze – vernichtet, die Wirtschaft wurde zunehmend von Rohstoffexporten (Öl!) und damit den Schwankungen der Preise abhängig. Die Armut stieg auf über 50 Prozent, die Lebenserwartung sank mit 58 Jahren unter das Pensionsalter. Zwar wurde nach der „Russlandkrise“ 1998/99 und mit der Machtübernahme Putins im Jahr 2000 die Lage stabilisiert, doch Putin ist ein Garant für die Privi- legien einer kleinen Schicht. Deren Reichtum hängt auch davon ab, dass der Großteil der Bevölkerung arm bleibt. Zahlreiche „Partnervermittlungen“, die Autorin: Sonja Grusch Freie Journalistin