Arbeit&Wirtschaft 4/20138 Interview Arbeit&Wirtschaft: Dr.in Ursula Holt- grewe, Sie sind wissenschaftliche Leiterin der Forschungs- und Bera- tungsstelle Arbeitswelt (FORBA), die aktuelle Arbeit&Wirtschaft befasst sich mit „Modern Times“, neuen Tech- nologien und deren Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Müssen wir uns fürchten? Ursula Holtgrewe: Ich habe in den 1980er-Jahren meine Diplomarbeit über Bürorationalisierungen geschrieben. Da- mals gab es ja diese Frauen-und-Techno- logie-Debatten. Mit den enormen Auto- matisationsmöglichkeiten hat man da- mals die Vertreibung der Frauen aus den Büros befürchtet. Da haben sich die Fir- ma Siemens und die technikkritischen GewerkschafterInnen in einer lustvollen Apokalypse getroffen, wenn Sie so wol- len. Empirisch sind die Dinge dann völ- lig anders gelaufen. Das hat mir eine ge- wisse Skepsis gegenüber dieser Art von Prognosen eingebracht, nach denen die Arbeit der Zukunft in gewisser Art und Weise völlig anders aussehen wird als die Arbeit der Gegenwart. Die gibt es ja im- mer noch. Das stimmt im Allgemeinen nicht so ganz. Unsere Arbeitswelt hat sich aber seit den 1980ern gigantisch verändert. Was ist gleich geblieben? Zum Beispiel die Tatsache, dass immer noch relativ viele Menschen ihrer Arbeit an einem dezidierten Arbeitsplatz nach- gehen. Wenn Sie sich die Laptop- und Notebook-Werbung durch die Jahrzehn- te ansehen, gibt es da immer diese Bilder, auf denen die Leute überall arbeiten usw. Die tun das möglicherweise auch und kontrollieren spätabends oder früh- morgens ihre E-Mails, a ber eben nicht alle, nicht immer. Sei es Druck, sei es das Gefühl, die Dinge im Griff zu haben, beides spielt da eine Rolle. Aber diese Prognosen, wer alles eigentlich von zu Hause aus arbeiten könnte, sind nicht wirklich eingetroffen. Es pendeln immer noch Menschen, die möglicherweise durchaus die Technik zu Hause hätten, kilometerweit zu ihren Arbeitsplätzen. Die Vorstellung, dass ein Betrieb et- was ist, wo Menschen zu bestimmten Zeiten zusammenkommen, um einen oder mehrere Jobs zu erledigen, ist doch nicht ganz so obsolet, wie man geglaubt hat. Die franst an anderen Stellen aus. Es gibt natürlich Branchen und Berufe, wo nicht im Betrieb gearbeitet wird – von Unternehmensberatungen bis zu Reinigungsfirmen. Da wird die Arbeit am Ort des Kunden getan – auch in der Pflege wird z. B. mobil gearbeitet. Das ändert Arbeitsbedingungen schon, da- bei spielt Technologie natürlich eine Rolle. Man muss, glaube ich, die Verän- derung der Arbeitswelt nicht nur mit Blick auf die technischen Möglich- keiten betrachten. Die fügen sich im- mer in betriebliche Strategien, Nut- zungsweisen, Marktgelegenheiten ein. Das muss man sich in dieser Kombina- tion vorstellen. Da geht es nicht um einzelne Arbeitsplätze oder Individuen. Es kommt ja auch auf die Arbeitsbedin- gungen, die Organisationsprozesse – wie managt man was – und natürlich die betrieblichen Kontroll- und Herr- schaftsbedürfnisse an. Der Zuzug in die Städte hält an. Vor zehn Jahren wurden Callcenter als Chance für abgelegene Regionen pro pagiert. Das ist relativ selten umgesetzt worden. Das ist genauso wie mit diesen Telebüros. Letztlich brauchen Callcenter einen rela- tiv verdichteten Arbeitsmarkt und siedeln sich – je nachdem welche Aufgaben sie erfüllen – eher in Ballungsräumen an. Man muss dazu sagen, dass die Standort- verlagerungen im deutschsprachigen Raum auch ein wenig anders funktioniert haben als im angelsächsischen. Nicht wie ein Kaninchen vor der Schlange stehen Ursula Holtgrewe zu alten Ängsten, neuen Technologien und Ingenieurslogik. Z u r p e r s o n Dr.in Ursula Holtgrewe Geb. 1962 in Berlin Studium der Soziologie und Politikwissenschaften an der Philipps-Universität Marburg und am Goldsmiths’ College in London, Promotion im Graduiertenkolleg „Arbeit – Technik – Qualifikation“ an der Universität Kassel, Habilitation in Soziologie an der Universität Duisburg-Essen 1993–2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin, Habilitati- onsstipendiatin und Projektleiterin an der Universität Duisburg 2001–2002 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Innovationsforschung an der TU Chemnitz Seit 2003 Privatdozentin für Soziologie an der Universi- tät Duisburg-Essen; Gast- und Vertretungsprofessuren an den Universitäten Duisburg-Essen, Mainz und Wien 2005–2006 Visiting Scholar an der School of Industrial and Labor Relations, Cornell University Seit Frühjahr 2006 Teamleiterin für „Arbeit, Organisati- on, Internationalisierung“, seit März 2013 wissen- schaftliche Leiterin bei FORBA