Arbeit&Wirtschaft 4/201312 Schwerpunkt V or genau 200 Jahren, in der Spät- phase der industriellen Revolution, griff in England die Bewegung der Ludditen um sich. Sie zerstörten in fast militärisch organisierten Aktionen neue, große Webstühle und andere In- dustriemaschinen und strebten eine Rückkehr zu vorindustriellen Produk- tions- und Arbeitsverhältnissen an. Zu dieser Zeit herrschte in England ein stren- ges Verbot der gewerkschaftlichen Orga- nisation, und die Arbeitslosigkeit war im Steigen begriffen. Die Ludditen – sie nannten sich so nach ihrem legendenum- wobenen Anführer Ned Ludd – sahen im Maschinensturm einen Weg des Arbeits- kampfes. Phasenweise ging die englische Armee gegen die Ludditen vor, und die Zerstörung von Maschinen wurde 1812 unter Todesstrafe gestellt. Der Kampf der Ludditen wurde oft als Versuch gesehen, das Rad der Zeit zu- rückzudrehen. Es war ein Kampf gegen einen technologischen Fortschritt, der eine Unzahl von Verlierern und ein Aus- einanderfallen der Gesellschaft produ- zierte. Ein ähnlicher Gedanke findet sich schon beim französischen Philosophen Rousseau (1712–1778), der das Ideal einer Gesellschaft in einem möglichst naturbelassenen Zustand zu finden hoffte. Die „ursprüngliche“ Lebensform, die ohne technische Neuerungen aus- kommt, war seither für viele Menschen Antrieb und Lebensziel und immer wieder Kristallisationspunkt von gesell- schaftsreformerischen Bewegungen. In scharfem Gegensatz dazu steht eine Vorstellung von Technologie als Mittel zur Überwindung gesellschaft- licher Krisen. Diese Auffassung ver- sucht, den technischen Fortschritt in den Dienst des gesellschaftlichen Fort- schritts zu stellen, eine Sichtweise, die durchaus nicht auf den Kapitalismus beschränkt ist, sondern beispielsweise auch ein wesentliches Element des Le- ninismus darstellt. Sie wurzelt in der Überzeugung, dass die technologische Entwicklung die Steigerung der Pro- duktivität ermöglicht, also dazu bei- trägt, dass mit der gleichen Menge an Arbeit eine größere Menge von Waren oder Dienstleistungen erzeugt werden kann. Atomkraft: sauber oder Risiko? Seit den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts werden auch ökologische Krisen als Formen gesellschaftlicher Kri- sen verstanden. Wichtig für die Entwick- lung dieser Sicht war beispielsweise die UNO-Konferenz über die Umwelt des Menschen 1972 in Stockholm. Seither erhoffen sich viele von technischen Neu- erungen auch die Möglichkeit der Über- windung von Umweltproblemen. So sehen die einen technologischen Fortschritt als Lösung für ein Problem, während die anderen gerade bestimmte Technologien oder die immer weiter fortschreitende Technisierung als das Problem selbst bezeichnen. Das wohl bekannteste Beispiel für diese unterschiedlichen Sichtweisen ist die Atomkraft. Während sie heute – nach den Reaktorunfällen in Tscherno- byl 1986 und in Fukushima 2011 – weithin als gefährliche Risikotechnologie gilt, war sie lange Zeit als saubere und zukunftssichere Alternative zur Strom- erzeugung aus Kohle propagiert wor- den, also durchaus auch mit ökolo- gischen Argumenten. Umstrittene Gentechnik Ein weiteres, ebenso umstrittenes Beispiel ist der Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft. Die BefürworterInnen sehen darin eine Möglichkeit, mit einem geringeren Einsatz von Pflanzenschutz- mitteln höhere Erträge an Lebensmitteln für die Ernährung der beständig wach- senden Weltbevölkerung sicherzustellen. Die GegnerInnen warnen davor, dass durch die Eingriffe in das Erbgut andere, verwandte Pflanzen geschädigt würden und – entgegen den Behauptungen der BefürworterInnen – die Verwendung von Giften in der Landwirtschaft ansteige. Während bei diesen zwei Technolo- gien die öffentliche Meinung in Öster- reich sehr klar ablehnend ist, zeigt sich bei anderen ein weniger einheitliches Bild. Insbesondere erneuerbare Ener- gien – Windräder, Wasserkraftwerke, Solaranlagen, Biogas- und Biomasse- kraftwerke –, deren Ausbau zum Zweck der Verringerung der klimaschädlichen Treibhausgasemissionen auf EU-Ebene vorangetrieben wird, gelten als wichtige Säule für eine zukunftsträchtige Ener- giebereitstellung. Doch wenn ihnen unberührte Landschaften oder natur- nahe Flussläufe geopfert werden sollen, schlägt die Zustimmung rasch in Ab- lehnung um. Die Früchte des Fortschritts Die Krise des Wachstums zu lösen, bleibt – trotz der möglichen Beiträge von technologischen Entwicklungen – eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Autor: Christoph Streissler Umweltpolitikexperte in der Abteilung Umwelt und Verkehr der AK Wien