Arbeit&Wirtschaft 4/201318 Schwerpunkt D ie Kritik am steigenden Arbeits- druck trifft immer öfter die digi- talen Medien: Handy, E-Mail, Internet beschleunigen unsere Gesellschaft und wir hetzen dem Tempo unserer Alltagshelfer hinterher. „Hilfe – meine Prothese ist schneller als ich!“2, hieße es dazu im Sinne des Philoso- phen Paul Virilio: „Wer das Tempo seines Werkzeugs einzuholen versucht, wird dessen Teil.“ Was tun gegen die Verding- lichung? Denn die Klage über die Schnel- ligkeit des Lebens ist ja nicht neu, seit der Einführung der Pferdekutsche zählt sie zum kulturpessimistischen Werte- kanon. Vieles wird schneller, aber vor allem gibt es von allem mehr. Daher predigt die Ratgeberliteratur richtiges Timing: Ziele definieren, Entscheidungen tref- fen, Prioritäten setzen, Arbeit abgeben, es brauchen nur noch die Aktivitäten zeitlich abgestimmt zu werden. So schön klingt nur Managementliteratur. Aber wie sieht es für alle anderen Arbeitenden aus? Mobiltelefonieren ist widersprüch- lich, kaum jemand mag darauf verzich- ten und zugleich klagen viele: „Ich fühle mich als Sklave des Handys.“ Alles nur eine Frage der Einteilung? Mobiltele- fonieren steht in einer Dreiecksbezie- hung zu Freiheit – Erreichbarkeit – Ver- fügbarkeit, eine Dynamik mit vielen Widersprüchen. Connecting People Handys verbinden Personen, Festnetz- telefone Orte. An jedem Ort, zu jeder Zeit telefonieren zu können, das ist die neue Freiheit des Handys. Für jüngere LeserInnen wohl eine No-na-Aussage, aber erinnern wir uns: Wer dringende Anrufe erwartete, durfte sich nicht vom Apparat wegbewegen, wer unterwegs war und telefonieren wollte, brauchte eine (intakte) Telefonzelle samt Klein- geld; auf zu spät Kommende musste man einfach warten, kein mobiler Höflich- keitsanruf ermöglichte es auch, selbst zeitlich umzudisponieren. Die Freiheit, jederzeit zu kommunizieren, bringt auch in manchen Arbeitsbranchen mehr Fle- xibilität: Es ist einfacher geworden, zwi- schendurch das Büro zu verlassen, einen Weg zu erledigen, immerhin ist man ja jederzeit erreichbar; und selbst der viel belächelte Anruf im Supermarkt spart einem manchen Weg. Freiheit ist aber genauso Selbstbestimmung, und die heißt eben auch, nicht immer erreichbar sein zu müssen. Was ist überhaupt Er- reichbarkeit – „natürliches“ Bedürfnis oder Marketingerfolg der Mobilfunk- industrie?3 Für die Kommunikationswissen- schaftlerin Barbara Mettler-v. Meibom gestalten Machtbeziehungen den Um- gang mit Erreichbarkeit: Instrumentelle Erreichbarkeit wird als Steuerungsin- strument benutzt, um raum- und zeit- überschreitend rasch zu reagieren. Soziale Erreichbarkeit betrifft den emotionalen Kontakt, um Trost und Anerkennung zu vermitteln, und die „Erreichbarkeit für sich selbst“ besteht in der Fähigkeit zum transzendenten, inneren Dialog mit sich selbst. Arbeitswerkzeug Handy In vielen Berufen gehört das Mobiltele- fon zum unverzichtbaren Arbeitswerk- zeug. Längst sind es nicht nur die klas- sischen mobilen Berufe im Gesundheits- bereich, in Service- und Montagetechnik, Außendienst und Journalismus. Laut einer aktuellen BITKOM-Studie arbeiten bereits 67 Prozent aller Berufstätigen mit einem Handy bzw. Smartphone. Gemäß der Devise „Das Büro ist, wo ich bin“ wird in Kaffeehäusern und in Zügen gearbeitet. Die Einstellung „Wegzeit ist Arbeitszeit“ gehört für immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Diese Hal- tung lässt sich nicht allein über Arbeits- druck erklären, es ist auch eine innere Einstellung. Das Soziologenteam Voß/Pongratz findet dafür den neuen Typus des „Ar- beitskraftunternehmers“. Die gesamte Lebensführung wird einer Art betriebs- wirtschaftlichem Effizienzdenken unter- stellt. So gelingt es, mit flexiblen Ar- beitszeitanforderungen wie prekären Beschäftigungsverhältnissen umzugehen und projektspezifisch in wechselnden Teams zu arbeiten. Als Partnerschafts- modell sind meist beide berufstätig und die Aufgabenteilung zwischen Erwerbs- Autorin: Beatrix Beneder Politikwissenschaftlerin Erreichbarkeit ist eine strenge Herrin1 DasWerkzeug Mobiltelefon erfordert aktives Anrufmanagement und Abschalten. 1 Dieses Sprachbild entstand aus einer Metaphernanalyse der In- terviewaussagen meiner Dissertation: „Das Handy als Ich-Erwei- terung: Identitäten, Arbeitsverhältnisse, Technikbeziehungen“, Wien 2011. 2 Wolf Lotter, Rasender Stillstand, Brand eins, 3/2008. 3 Die Mobilfunkunternehmen gehören zu den „Big Spenders“ bei den Werbeausgaben und bestritten über Jahre hindurch ein Drit- tel der gesamten Werbeausgaben in Österreich (Focus Media Research, Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation, WK Wien 2003). 4 Die im Zuge der Dissertation angefertigte qualitative Studie „Selbstmanagement und Mobiltelefonie“ wurde 2007 mit dem Theodor-Körner-Preis gefördert.