Arbeit&Wirtschaft 4/201328 Schwerpunkt Landflucht und Urbanität Der ländliche Raum funktioniert vor allem dort, wo die Stadt nahe liegt. Engagierte Projekte und gezielte Aktionen sollen die Abwanderung stoppen. D as klassische Landleben hat ausge- dient, die Prognosen sind drama- tisch. Die Zahlen der Statistik Aus- tria zeigen, dass Österreich immer mehr zentralisiert. Bis 2030 wird vor allem das städtische, besonders das nördliche und südliche Wiener Umland wachsen – der Anteil der Bevölkerung wird dort um rund 22 Prozent steigen. Für Wien selbst wird ein stattliches Wachstum von 13 Prozent prognostiziert. Ebenso wird für Graz und seine Umlandbezirke ein Bevölkerungs- wachstum von 15 Prozent erwartet. Als weitere Regionen mit starken Bevölke- rungsgewinnen gelten Rheintal-Bodensee in Vorarlberg, Linz?Wels in Oberöster- reich, Innsbruck und St. Pölten. Bis zum Jahr 2050 wird sich der Trend im Wesent- lichen fortsetzen: Während das Wiener Umland bis dahin um über ein Drittel mehr Menschen zählen wird als heute, wird sich in der Obersteiermark, in Ober? und Unterkärnten sowie in Osttirol und im Salzburger Lungau der bereits bis 2030 prognostizierte Bevölkerungsrückgang fortsetzen. Schleichende Abwanderung „Das Land funktioniert zentrumsnahe und dort, wo der Mensch mit Verkehrsmitteln in einer akzeptablen Zeit hinkommt“, er- klärt Christian Pichler, studierter Raum- planer und Mitarbeiter der Abteilung Kommunalpolitik der Arbeiterkammer Wien. Im Einzugsbereich großer Städte ist die Ansiedlung für Unternehmen oft at- traktiver, denn allein der Quadratmeter- preis für das Bauland ist um einiges nied- riger als in der Stadt. In ländlichen Regi- onen hingegen sind die Ausbildungsange- bote und damit einhergehend auch die Arbeitsmöglichkeiten gering, und die Ab- wanderung der Menschen ist eine seit Jah- ren schleichende Entwicklung. Viele ver- lassen ihre Dörfer und kleinen Orte, um in eine höhere Schule zu gehen, eine Leh- re zu absolvieren oder um zu studieren. Zurück kommen sie, wenn überhaupt, erst im höheren Alter. Denn meistens gibt es keinen adäquaten Job in der Region. Wenn doch, ist die Anzahl höchst überschaubar. Ein weiterer entscheidender Aspekt: Die Stabilität der Arbeitsverhältnisse sinkt. Wer mit zwanzig einen Arbeitsplatz antritt, kann nicht mehr damit rechnen, dass er mit vierzig noch in der gleichen Firma oder am gleichen Ort tätig ist. In den ländlichen Gemeinden ist auch das Angebot an Mietwohnungen sehr be- grenzt. Nicht viele sind bereit, für eine be- rufliche Existenz, die nur für ein paar Jah- re gesichert ist, ein neues Haus zu bauen. Das Breitband schien vor allem in den 1990er-Jahren die Hoffnung für etwas ab- gelegenere Gegenden zu sein. In Niederö- sterreich wurden ganze Telehäuser ge- schaffen. Von „Tele-Mustergemeinden“ oder vom „Entwicklungs- und Innovati- onszentrum Zwettl“, von der Zukunft der Telearbeit war die Rede. Dienstleis tungen wie Schreibarbeiten, das Ausdrucken von Serienbriefen oder der Entwurf und Druck von Etiketten wurden angeboten. In den Telehäusern wurden Menschen ge- schult, oft waren Bäuerinnen darunter, die noch etwas dazuverdienen wollten. Doch auf Dauer waren diese Tätigkeiten zu einfach, als dass sie nicht in billigeren Regionen verrichtet werden konnten. Die Telehäuser konnten sich nicht als wich- tiger Wirtschaftsfaktor für diese Regionen etablieren. Auch die Verpflanzung „quali- fizierterer“ Arbeit – etwa Pläne entwerfen, Programmieren oder Software-Support – ist schwierig und gelingt nur in Einzelfäl- len. Telearbeit funktioniert nur bei regel- mäßigen und häufigen Besuchen in der Firma, sie ist eben keine Lösung für eine ganze Region. Experte Christian Pichler: „Bei Telearbeit hat sich herausgestellt, dass soziale Kontakte einfach notwendig sind, wenn man in einem großen Firmen- konstrukt arbeitet.“ Hauptsächlich wur- den Versuche in der IT-Branche unter- nommen. „Aber das wird derzeit zurückgeschraubt“, sagt Pichler. Denn die Firmen haben ihre MitarbeiterInnen ger- ne näher bei sich, und viele Menschen haben es im eigenen Zuhause schwer, Ar- beitsdisziplin aufzubauen. Pichler: „Du kannst zu Hause am ehesten Sachen abarbeiten, alles andere ist eher schwierig.“ Doch ein Arbeitsleben AutorInnen: Sophia Fielhauer-Resei & Christian Resei Freie JournalistInnen B u c h t i p p Wilfried Doppler Stadt und Land Zwei Lebenswelten und ihre Bewohner Böhlau Verlag, 2009, 344 Seiten, € 35,– ISBN: 978-3-205-78373-2 Bestellung: ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132 fachbuchhandlung@oegbverlag.at