Arbeit&Wirtschaft 4/201330 Schwerpunkt Automatisierung geistiger Arbeit Die digitale Revolution frisst ihre Schöpfer: Computerprogramme und ihre Algorithmen erledigen zunehmend unsere Arbeit. Und was werden wir dann tun? S ind Sie sich sicher, dass die nächs- ten Zeilen in dieser Ausgabe der „Arbeit&Wirtschaft“ von einem Menschen stammen? Ich kann Ih- nen versichern, dass hier ein Journalist aus Fleisch und Blut in die Tasten haut, aber es müsste nicht sein. Denn inzwischen können Computerprogramme auch Arti- kel verfassen – wenn man ihnen sagt wie. 2009 wurde in den USA das Compu- terprogramm Stats Monkey präsentiert. Es wurde entwickelt, um zur Entlastung von JournalistInnen beizutragen. Es er- stellt eigenständig Berichte über die Baseball-Regionalliga und soll so den JournalistInnen mehr Zeit für die Re- cherche wichtigerer Themen freiräumen. Ein utopischer Gedanke – für die Ar- beitswelt, nicht für die Computertech- nologie. Das Programm schafft es, einen brauchbaren Artikel zu produzieren, in- dem es aus verschiedenen Suchresultaten im Internet, wie Ergebnissen und Stati- stiken, anhand einer Handlungsvor- schrift – eines Algorithmus – einen neu- en Text zusammenbaut. Dass jedoch JournalistInnen freigespielt wären, darf man ruhig infrage stellen. Leistet sich ein Medienunternehmen weiterhin eine Ar- beitskraft, deren eigentliche Aufgabe von einem Computer und seinen Algorith- men erledigt werden kann? Ein Algorithmus ist ein Berechnungs- verfahren. Definiert werden Algorithmen als „eindeutige und ausführbare Hand- lungsvorschriften zur Lösung eines Pro- blems“. Sie sind also nichts anderes, als eine von Menschen beauftragte Vermen- gung von Regeln, die man einhalten muss, um ein optimales Ziel zu errei- chen. Wie ein Kochrezept: Ziel und Zu- taten werden bestimmt und dann gibt man klare Handlungsanweisungen, was wann wie in welcher Reihenfolge gesche- hen soll. Algorithmen im Alltag Mit Algorithmen kamen wir schon in der Volksschule in Verbindung, als wir lernten zu multiplizieren oder zu dividieren. Wir lernten damals noch nicht, dass es sich um ein automatisierbares Berechnungsverfah- ren handelt, jedoch gab es schon Maschi- nen, die diese Operationen anhand einer Handlungsausführung durchzuführen verstanden, schneller und sicherer. Als Computer wurden früher Menschen be- zeichnet, die Berechnungen nach Algo- rithmen durchführten. Da die menschli- chen Kapazitäten in Sachen Rechenkraft weit von Maschinen überholt wurden, überlässt man diese Arbeit gerne den „Rechnern“, den Computern in der heu- tigen Bedeutung. Im Grunde sind wir auch in unserem nichttechnischen Alltag von solchen Handlungsanweisungen umgeben, wie etwa Bastel- oder Strickanleitungen, wir nehmen sie nur nicht als Algorithmen wahr. Doch schon beim Weg in die Ar- beit kommen komplexe Algorithmen zum Zuge – optimal getaktete Züge zum Beispiel sind ein hochkomplexes Pro- blem, die möglichen Fahrplanvarianten sind unüberblickbar. Algorithmen müs- sen komplexe Kombinationen von tech- nischen Regeln berücksichtigen (Fahrge- schwindigkeiten, Abstände zwischen Zügen, Umsteigezeiten, Arbeitszeiten der FahrerInnen), sollen Fahrgastwün- sche erfüllen (kundenfreundlicher und kostengünstiger Fahrplan) und Stö- rungen abfangen. Dabei müssen riesige Datenmengen verarbeitet werden. Viele technische Systeme werden heutzutage ohne menschlichen Eingriff allein durch Algorithmen gesteuert. Telefonnetzwerke und das Internet sind dafür die besten Beispiele. Suchen Sie noch in den 13 Bänden des Brockhaus und rufen Sie Ex- pertInnen an, die Sie sich aus dem Tele- fonbuch herausgesucht haben – oder fra- gen Sie lieber Google? Google findet übrigens 2,410.000 Ergebnisse zu der Suchanfrage „Algorithmus“ in 0,27 Se- kunden UND sortiert diese nach Rele- vanz – kein Mensch kann dies leisten. Billiger Ersatz Um denkende ArbeiterInnen zu ersetzen, bedarf es keiner teuren Investitionen in Maschinen oder Roboter. Ein kleines und vergleichsweise billiges Programm kann den Menschen an der Tastatur ersetzen. War es früher „notwendig“ bzw. gang und gäbe, sein Callcenter aus Kostengründen ins Ausland zu verlegen, so können heute bereits große Teile vollautomatisiert und somit noch mehr Arbeitskräfte eingespart werden. Nach und nach übernimmt Soft- ware den größten Teil des Kundendialogs im Chat, weil der Großteil der Anfragen ohnehin immer gleich ist und geschriebe- nes Wort bereits sehr gut automatisch ver- arbeitet werden kann. Wird die Erken- nung, Verarbeitung und Generierung des gesprochenen Wortes noch verbessert, kann man die Mannschaft des Callcenters Autor: Martin Haiden Freier Journalist