Arbeit&Wirtschaft 5/201330 Schwerpunkt J ahr für Jahr dieselbe alte Leier: Der Rechnungshof stellt nach akribischer Analyse der Einkommensdaten aller ÖsterreicherInnen fest, dass Frauen in diesem Land rund ein Drittel weniger verdienen als Männer. Und so wie der Rech- nungshof niemals müde wird, auf diese himmelschreiende Ungerechtigkeit hinzu- weisen, werden auch FeministInnen und VerantwortungsträgerInnen aus Politik und Wirtschaft nicht müde, Forderungen zu formulieren und auf Verbesserungen zu drängen. Dennoch wiederholt sich dieses Spiel jedes Jahr aufs Neue und es werden kaum tatsächliche Verbesserungen erzielt. Wie kann das eigentlich sein? Noch dazu wenn man bedenkt, dass es hier niemanden gibt, der dagegen ist, dass Frauen und Män- ner gleich bezahlt werden? Die Antwort darauf lautet: „strukturelle Benachteili- gung“. Sie ist derartig fest in unsere Ge- sellschaft und in unser alltägliches Leben eingeschrieben, dass es mit großen gesell- schaftlichen Umwälzungen verbunden wä- re, diese zu ändern. Ansätze, wie es dennoch gelingen könnte, die Einkommensschere Schritt für Schritt zu verkleinern, werden dieser Beitrag sowie das Buch „Wir verdie- nen mehr! Gleichberechtigung und faire Einkommen für Frauen“ aufzeigen. Frauensache Teilzeitarbeit Einkommensunterschiede von Frauen und Männern werden gerne mit den Faktor Ar- beitszeit „wegerklärt“. Es wird behauptet, diese Unterschiede entstünden einfach nur dadurch, dass mehr Frauen als Männer Teilzeit arbeiten. Das stimmt insofern, als dass vier von zehn Frauen Teilzeit arbeiten, während dies gerade einmal für jeden zehn- ten Mann zutrifft. Dennoch zeigt sich, dass auch bei ganzjährig Vollzeitbeschäftigten die Differenz beim Einkommen stolze 19 Prozent beträgt. Das sind weit mehr als nur vernachlässigbare Rundungsdifferen- zen! Auch die Tatsache, dass Teilzeitarbeit zum überwiegenden Teil von Frauen ge- wählt wird, hat strukturelle Gründe. Kin- derbetreuung, Pflege und Hausarbeit ge- hören im 21. Jahrhundert immer noch zum größten Teil in den Zuständigkeitsbereich von Frauen. Anders ausgedrückt: Männer und Frauen arbeiten statistisch gleich viel. Die Zeitverwendungsstudie der Statistik Austria beziffert die wöchentliche Arbeits- zeit bei Männern auf 64,3 Stunden und bei Frauen auf 66 Stunden. Allerdings bekommen Männer den Großteil dieser Arbeitsleistung bezahlt und erwerben An- sprüche in der Sozialversicherung, während Frauen einen großen Teil ihrer Arbeit un- bezahlt im Privatbereich leisten und im Hinblick auf ihre soziale Absicherung (im Alter!) von Partnern und/oder der Gesellschaft abhängig sind. Wer macht hier halbe-halbe? Die damals sehr umstrittene Kampagne „Echte Männer machen halbe-halbe“ von SPÖ-Frauenministerin Helga Konrad ist mittlerweile stolze 17 Jahre her, dennoch gab es in der Zwischenzeit kaum dramati- sche Umwälzungen in der privaten Arbeits- verteilung von Herr und Frau Österreicher. Bei (jungen) Paaren ohne Kinder klappt es noch einigermaßen: Beide arbeiten in der Regel Vollzeit und teilen sich Hausarbeit und Beziehungsarbeit. Doch mit dem ers- ten Kind beginnen die schleichenden Ver- änderungen: Zuerst übernehmen die Frau- en den größten Teil der Karenzzeit und Männer – wenn überhaupt – einen gerin- gen Teil. Da die Frauen eh schon zu Hau- se sind, ist es meist auch logisch, nun den Löwenanteil beim Putzen, Waschen und Einkaufen zu übernehmen, und nach der Karenz wird (Eltern-)Teilzeit gearbeitet – wegen der besseren Vereinbarkeit. Wäh- rend sich also die Frauen täglich in der Quadratur des Kreises versuchen, haben die Männer – nun von der Last der halben Haushaltsarbeit befreit – den Rücken frei, um die nächste Stufe auf der Karriereleiter zu erklimmen. Schließlich tragen sie nun die hauptsächliche finanzielle Verantwor- tung für eine Familie, weil die Partnerin Teilzeit arbeitet. Und mal ehrlich: Wenn man die Wahl hat zwischen heimfahren und Bettwäsche waschen, weil das Kind Brechdurchfall hat, oder im Büro bleiben und Überstunden machen, für die es Lob, Anerkennung und vielleicht sogar eine Prä- Wir verdienen mehr! Gleichberechtigung und faire Einkommen für Frauen und was strukturelle Benachteiligung damit zu tun hat. Autorin: Barbara Marx Leiterin der Bundesfrauenabteilung in der GPA-djp B u c h t I p p Barbara Lavaud, Barbara Marx, Eva Scherz Wir verdienen mehr! Gleichberechtigung und faire Einkommen für Frauen. ÖGB-Verlag, 2013, 156 Seiten, € 24,90 ISBN: 978-3-7035-1507-1 Bestellung: ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132 fachbuchhandlung@oegbverlag.at