Arbeit&Wirtschaft 5/201342 Schwerpunkt Armut ist ein schlechter Koch Weltweit leiden 1,8 Mrd. Menschen unter mangelnder Ernährung. Wie kann die Zahl der Hungernden reduziert und globale Gerechtigkeit verwirklicht werden? J ährlich sterben 18 Mio. Menschen an der Folge von Unterernährung; alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Kommen akute Dürre-Katastrophen hinzu, sprechen manche Berechnungen sogar vom Tod im „Drei-Sekunden-Takt“. Die große Mehrheit der Hungernden (98 Prozent) lebt – wenig verwunderlich – in Entwicklungsländern. In der west- lichen Welt zählen hingegen Herz-Kreis- lauf-Erkrankungen aufgrund von Über- ernährung zu den häufigsten Todesur- sachen. Es klingt schon zynisch, dass in diesem Zusammenhang die weltweite Stu- die „Global Burden of Disease“ zu dem Schluss kommt, dass Überernährung pro- blematischer sei als Nahrungsmangel. Krankheit der Armen Aber Hunger ist natürlich nicht die einzi- ge globale Ungerechtigkeit dieser Welt – Unterernährung ist letztlich die Folge gras- sierender Armut. In der jüngsten Ausgabe von „WeltverbesserIn“, einem österreichi- schen Magazin, das sich für faire Arbeits- bedingungen weltweit einsetzt, heißt es: „Im Jahr 2010 lebten weltweit 917 Mio. arbeitende Menschen in Haushalten mit einem Einkommen von unter zwei US- Dollar pro Tag und Kopf, 495 Mio. sogar mit weniger als 1,25 US-Dollar.“ Wohlge- merkt: Hier handelt es sich um die soge- nannten „working poor“, hinzu kommt noch eine breite Masse, die überhaupt kei- nen regelmäßigen Job findet. Laut Schät- zungen der Weltbank müssen daher insge- samt sogar 1,4 Mrd. Menschen mit weni- ger als 1,25 US-Dollar pro Tag auskommen – was der von der Weltbank festgelegten Grenze für „extreme Armut“ entspricht. „Bei Zugrundelegung der Zwei-US-Dol- lar-Grenze, einer Richtgröße für ,allgemei- ne Armut‘, beträgt die Zahl der weltweit in Armut lebenden Menschen 2,6 Mrd.“, heißt es seitens der KfW Entwicklungs- bank. Ein Konzept für nachhaltige Ar- mutslinderung und somit auch Bekämp- fung des Hungers lautet deshalb: Arbeit schaffen – und zwar unter fairen Bedin- gungen. Eine Forderung, die sich in der Realität leider sehr oft nicht widerspiegelt. Lohnkosten 18 Cent/T-Shirt Ein anschauliches Beispiel für ausbeuteri- sche Verhältnisse liefert die Bekleidungs- industrie ab: Trotz Arbeitswochen von 50 Stunden und mehr können sich unzählige Beschäftigte in Entwicklungsländern kein menschenwürdiges Leben leisten. Um Nä- herinnen und Nähern einen existenzsi- chernden Verdienst zu ermöglichen, müss- ten die Lohnkosten pro produziertem T- Shirt von 18 auf 45 Cent angehoben werden, so die jüngsten Berechnungen der Fair Wear Foundation. In einem Geschäft in Österreich würde das „Leiberl“ dann 27 Cent mehr kosten. Für heimische Kon- sumentinnen und Konsumenten eine Lap- palie, für die Betroffenen in der Dritten Welt ein Quantensprung: Millionen Ar- beiterInnen könnten sich ausreichend Nahrungsmittel leisten, ihre Kinder in die Schule schicken und bei Bedarf Medika- mente kaufen. Das Beispiel aus der Bekleidungsindus- trie zeigt deutlich auf, dass die Situation der Dritten Welt stark von ihrer wirt- schaftlichen Beziehung zu reichen Indus- trienationen abhängig ist. Deshalb gilt Dependenz (Abhängigkeit) auch als ein Schlüsselbegriff zur Erklärung von Unter- entwicklung. Die Ende der 60er-/Anfang der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts in La- teinamerika entstandene Dependenztheo- rie zieht folgende Schlüsse: Unterentwick- lung ist auf die Eingliederung ehemaliger Kolonien in den von den kapitalistischen „Metropolen“ (Industriestaaten) be- herrschten Weltmarkt zurückzuführen. Die Entwicklungsländer sind laut diesem Modell hoffnungslos unterlegen: Sie ex- portieren (billige) Rohstoffe und müssen (teure) Fertigwaren, die zu einem Gutteil aus den gelieferten Rohstoffen hergestellt werden, importieren. Das erweitert das Handelsdefizit und führt zu steigender Verschuldung der Entwicklungsländer bei den – erraten – Industrienationen. Der wachsende Schuldenberg erhöht die Ab- hängigkeit, außerdem macht die Konzen- tration auf einen Wirtschaftszweig (zum Beispiel Kaffeeanbau) die Ökonomie der Entwicklungsländer von teilweise speku- Autor: Harald Kolerus Freier Journalist B u c h t I p p Martin Sturmer Afrika! Plädoyer für eine differen- zierte Berichterstattung. UVK-Verlagsgesellschaft, 2013, 192 Seiten, € 29,90 ISBN: 978-3-8676-4323-8 Bestellung: ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132 fachbuchhandlung@oegbverlag.at