Arbeit&Wirtschaft 8/201314 Schwerpunkt W enn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns spre- chen“, sagte der Wiener Bürger- meister Karl Seitz 1930 anlässlich der Eröffnung des Karl-Marx-Hofes im 19. Wiener Gemeindebezirk. Der kommunale Wohnbau, eine Ikone des „Roten Wien“, erzählt bald eine 100-jährige Geschichte. Damals mit dem Ziel erbaut, die desas- trösen Wohn- und Lebensverhältnisse von ArbeiterInnen zu verbessern, sprechen die Steine der mächtigen Bauten im „Arbeiter- barock“ auch heute noch eine Sprache des sozialen Miteinanders. Wenn auch eine andere. Neues Lebensgefühl In einem Wiener Gemeindebau zu woh- nen war etwas Besonderes. Bis 1920 war die Wohnsituation in Wien äußerst schlecht. Um 1900 lebten etwa 300.000 Menschen in Wien ohne Wohnung. Mit dem Metzleinstalerhof im 5. Bezirk läute- ten die Sozialdemokratinnen und -demo- kraten eine neue Ära ein, die das Land- schaftsbild ebenso prägen sollte wie die Wiener Kultur – die Ära des kommunalen Wohnbaus. Architektonisch selbstbewusst und strotzend vor Ideologie versprachen die „Arbeiterquartiere“ nicht nur komfor- tables Wohnen. Wiener Gemeindebauten standen für ein neues Lebensgefühl, ein neues Selbstbewusstsein der Sozialdemo- kratie und der Arbeiterbewegung. Jede Wohnung verfügte über Wasser und Strom. Zahlreiche Sozialeinrichtungen wie Wäschereien, Kindergärten, Bibliotheken oder Lehrwerkstätten sowie große, begrün- te Innenhöfe ergänzten das Wohnen um soziale und funktionale Facetten, die das Leben der BewohnerInnen deutlich ver- besserten. Der kommunale Wohnbau in Wien ist ein Vorzeigeprojekt mit interna- tionaler Anerkennung. Heute leben knapp 500.000 Men- schen, also ein Viertel der Wiener Bevöl- kerung, in den rund 2.300 Wiener Ge- meindebauten. Kathrin F. ist bald eine davon. Die 18-jährige Studentin wird noch heuer in eine Zweizimmerwohnung in den denkmalgeschützten Reumannhof am Margaretengürtel einziehen. Ob allein oder mit einer Freundin steht noch nicht fest. Kathrin kommt aus einer klassischen Bildungsfamilie. Beide Eltern haben stu- diert, ihre Geschwister ebenso. Dem Bild einer typischen Gemeindebaubewohnerin entspricht Kathrin wenig. Denn trotz zu- nehmender Verjüngung wohnen im Ge- meindebau etwa viermal häufiger ältere Menschen über 65 Jahre als beispielsweise in geförderten Neubauwohnungen. Laut einer Studie von SORA im Jahr 2010 sind MieterInnen von Gemeindewohnungen im Schnitt älter, haben ein geringeres Bil- dungsniveau und ein geringeres Haus- haltseinkommen als BewohnerInnen von geförderten Neubauwohnungen. 30 Prozent der BewohnerInnen von Gemeindewohnungen lebten 2008 unter der Armutsgrenze. Mit der Öffnung des Wohnungszugangs für Drittstaatsangehö- rige im Jahr 2006 ist der Anteil an Mi- grantinnen und Migranten im Gemein- debau weiter gestiegen. Den größten Anteil stellen mit elf Prozent Menschen türkischer Herkunft. Den „Alteingeses- senen“ gefällt diese Entwicklung zumeist nicht. 2006 befragte das Institut für Sozi- ologie 216 BewohnerInnen von drei Ge- meindebauten in Wien Floridsdorf über die Zufriedenheit des Zusammenlebens im Gemeindebau. 57 Prozent bewerteten das Zusammenleben mit Migrantinnen und Migranten als negativ, 34 Prozent be- mängelten das Miteinander zwischen Alt- eingesessenen und neu Zugezogenen und 21 Prozent kritisierten jenes zwischen Jung und Alt. Vincent Wohinz kennt die- se Zahlen, so wie er auch all die Wehweh- chen der BewohnerInnen kennt, wenn sie ihren Ärger bei ihm entladen. Wohinz ist so etwas wie ein Gemeindebau-Coach. Er und seine rund 100 Kolleginnen und Kol- legen von „wohnpartner unterwegs“ ste- hen den Gemeindebaubewohnerinnen und -bewohnern seit 2010 mehrmals wö- chentlich für Beschwerden und Anre- gungen zur Verfügung. WohnpartnerInnen Die meisten davon sind ausgebildete Sozi- alarbeiterInnen. Knapp die Hälfte der WohnpartnerInnen hat selbst Migrations- hintergrund, was den Kontakt zu Gemein- debaubewohnerinnen und -bewohnern aus demselben Herkunftsland erleichtert. „Bei Irene Steindl Freie Redakteurin Leben im Gemeindebau Der kommunale Wohnbau des „Roten Wien“ stand lang für ein besseres Leben sozial Schwacher. Heute sind die ehemaligen Arbeiterquartiere oft sozialer Brennpunkt. B U C H T I P P Bettel, Mourao, Rosenberger (Hg.): Living rooms – Politik der Zugehörig- keiten im Wiener Gemeindebau Springer, 2012, 304 Seiten, € 30,– ISBN: 978-3-7091-1224-3 Bestellung: www.besserewelt.at