Arbeit&Wirtschaft 8/201318 Schwerpunkt MMag. im Kinderzimmer Auch in Österreich wohnen immer mehr junge Erwachsene bei den Eltern – das hat viele Gründe, materielle Not ist einer der selteneren. W ürden Sie einen Mann daten, der noch bei den Eltern wohnt?“ – Da kommen junge Frauen ab 18 wohl auch heute noch sehr ins Grübeln, sogar diejenigen, die selbst noch im Kinderzimmer logieren. Obwohl sich immer mehr junge Menschen immer länger mit dem Ausziehen Zeit lassen, wird das Phänomen auch in der eigenen Altersgruppe nicht hundertprozentig akzeptiert. Nicht abgenabelt, Kind ge- blieben, unselbstständig – das sind in der Regel die anderen. Warum man/frau selbst noch keinen eigenen Haushalt hat, dafür werden dann außergewöhnliche Umstände angeführt. Frauen holen auf Der Anteil der 27-Jährigen, die noch im „Hotel Mama“ residieren, hat sich von 1971 bis 2011 auf rund 38 Prozent fast verdoppelt, bei den 36-Jährigen fast ver- dreifacht.1 Bei den Frauen verläuft der Trend ähnlich – allerdings deutlich schwächer als bei den Männern. Sie ho- len Studien zufolge vorrangig in der Al- tersklasse 18 bis 25 auf. Wohnte 1971 knapp jede dritte 21-Jährige bei den El- tern, tun das 2011 schon zwei von drei. Derzeit wohnt jede zwölfte 33-Jährige in Österreich noch unter dem elterlichen Dach, 1971 war dieser Anteil nicht ein- mal halb so groß. Die neusten Daten zei- gen, dass Frauen auch hier aufholen: Nach einer im vergangenen August vor- gestellten repräsentativen Studie der GfK Sozial- und Organisationsforschung, für die 4.000 ÖsterreicherInnen ab 15 be- fragt wurden, wohnen 42 Prozent der Männer und 41 Prozent der Frauen zwi- schen 20 und 29 Jahren bei den Eltern. A-Schicht Phänomen Im internationalen Vergleich liegt Öster- reich eher im Mittelfeld. Und der lange Verbleib im Elternhaus scheint hier vor allem ein Phänomen der A-Schicht (= mehr als 6.000 Euro monatliches Netto-Haushaltseinkommen) zu sein. Immerhin wohnen 62 Prozent der Männer und Frauen mit Eltern aus der A-Schicht zwischen 20 und 29 Jahren noch zuhause. Nicht nur weil die Berufs- ausbildung länger dauert, sondern ein- fach weil ausreichend Platz vorhanden ist. Das zeigt auch die Tatsache, dass der Auszug etwa dann besonders unwahr- scheinlich ist, wenn junge Männer mehr als 35 m2 zu ihrer Verfügung haben.2 2010 wohnten in Spanien 60 Pro- zent der unter 35-Jährigen noch oder wieder bei den Eltern. Der durch- schnittliche Italiener gründet erst mit 31 Jahren einen eigenen Hausstand. Dass SüdländerInnen länger zu Hause wohnen als etwa SkandinavierInnen hat schon länger Tradition. In den vergange- nen Jahren sind die Quoten allerdings überall gestiegen, das Verhältnis ist an- nähernd gleich geblieben. Die Unter- schiede hängen wahrscheinlich nicht nur mit der für südliche Länder ty- pischen katholischen Lebensplanung zusammen, bei der man(n) direkt vom mütterlichen Herd zum Kochtopf der Gattin wechselt. Überall dort, wo Haus- besitzer bei der Mietengestaltung ziem- lich freie Hand haben, sind die Miet- preise besonders hoch und der Trend zum Eigenheim größer. Aber auch in ländlichen Gebieten ist die Tendenz zum Eigenheim verständlicherweise größer und das ist natürlich – zumin- dest kurzfristig – teurer als eine Miet- wohnung. Last but not least wird in manchen nördlichen Staaten die „Nest- flucht“ in Form von Mietzuschüssen, Ausbildungsförderungen, Darlehen u. Ä. staatlich gefördert. Lange Studiendauer und schlechte Bezahlung am Berufsanfang selbst für gut Ausgebildete sind zumindest in Österreich noch keine ausreichenden Erklärungen, warum junge Erwachsene immer später das Elternhaus verlassen. Flügge werden viele immerhin oft schon vor dem 20. Lebensjahr – beim Studie- ren im Ausland oder einem Praktikum in Übersee. Längere Auslandsaufent- halte, die mitunter innerhalb von weni- gen Wochen geregelt werden müssen, sind praktisch nur mit der Heimatbasis Elternhaus möglich. Nebenbei eine ei- gene Wohnung zu erhalten, ist unter dem Aspekt größtmöglicher Flexibilität nur schwer möglich. Nestflucht nicht nötig Die Kluft zwischen den Generationen ist deutlich kleiner geworden. Die meisten jungen Leute haben nicht mehr das Be- dürfnis, ihr Elternhaus so rasch wie nur Astrid Fadler Freie Journalistin 1 Österreichisches Institut für Familienforschung der Universität Wien, Christine Geserick, Working Paper 76/2011, Ablösung vom Elternhaus, Ergebnisse aus dem Generations and Gender Sur- vey (GGS) 2008/09 2 Immowelt.at: Wohnen und Leben Winter 2012, Repräsentative Studie zum Wohnen und Leben in Österreich