Arbeit&Wirtschaft 8/201326 Schwerpunkt Land der Haus- und Wohnungs- eigentümerInnen? Internationale Beispiele zeigen: Eigentumszentrierte Wohnpolitik führt in die Krise. W ohnen ist in den vergangenen Jahren in Österreich empfind- lich teurer geworden. Die pri- vaten Mieten sind seit 2005 doppelt so stark gestiegen wie die Ein- kommen und die allgemeine Teuerung. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 gab es auch einen steilen Anstieg bei den Preisen von Eigentumsobjekten. Betroffen davon sind vornehmlich Men- schen, die ihren ersten Haushalt gründen oder ihren Wohnort aus verschiedenen Gründen (Arbeitsplatz, Scheidung u. Ä.) wechseln wollen bzw. müssen. (Wahlkampf-)Thema Die steigenden Wohnkosten fanden in den letzten eineinhalb Jahren breite Resonanz in den Medien. Leistbares Wohnen wurde ein intensiv diskutiertes Thema. Auch die Politik hat die Brisanz der Lage erkannt. Heuer im Frühjahr haben die Parteien Konzepte vorgelegt, wie die Wohnkosten wieder auf ein er- trägliches Maß zurückgeführt werden können. Neben konkreten Vorschlägen, wie einzelne Instrumente der österreichi- schen Wohnpolitik verbessert werden können – etwa durch eine erneute Zweck- bindung der Wohnbauförderung –, wur- de dabei auch eine Grundsatzfrage aufs Tapet gebracht: Ist es besser, wenn die Menschen zur Miete oder wenn sie im Eigentum wohnen? Im Parteienspektrum rechts der Mit- te gibt es dazu erwartungsgemäß eine eindeutige Antwort. Ein Land der Haus- und WohnungseigentümerInnen sei wünschenswert. Eigentum am Wohnsitz bringe den Einzelnen und der Gesell- schaft als Ganzes mannigfaltige Vorteile. Im Folgenden wird gezeigt, dass die- se Behauptungen in der Realität nicht zutreffen. In einer Reihe von Ländern – wie den USA, Großbritannien, Spanien und Irland – hat der einseitige wohnpo- litische Fokus auf den Eigentumserwerb zu schweren Immobilienkrisen geführt. Die drastischen gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen kennen wir. Für einen beträchtlichen Teil der österreichischen Haushalte würde ein kreditfinanzierter Erwerb von Haus- oder Wohnungsei- gentum aufgrund der Einkommenssitu- ation eine schwere bis unmögliche Belas tung darstellen. Aus ökonomischer Perspektive spricht daher alles dafür, die bisherige Strategie in der österreichi- schen Wohnbauförderung beizubehal- ten und neue Miet- wie auch Eigen- tumsobjekte in einem ausgewogenen Verhältnis zu fördern. Die Österreichische Nationalbank hat Ende 2013 eine Studie veröffent- licht, welche aufzeigt, wie stark die Ein- kommen der österreichischen Haushalte durch die Wohnkosten belastet sind.1 Dabei wurde zwischen verschiedenen Wohnformen unterschieden. Einerseits zwischen Miete und Eigentum, anderer- seits wurde die Kategorie Eigentum nochmals in kreditbelastete sowie be- reits ausfinanzierte Objekte unterteilt. Die Einkommen der Haushalte wurden der Höhe nach in vier Gruppen unter- teilt und schließlich wurde analysiert, wie stark diese Einkommen in den re- sultierenden Quartilen durch die Wohn- kosten bei unterschiedlichen Wohn- formen belastet sind. Die markanten Ergebnisse: Im untersten Einkommens- viertel ergibt sich bei kreditfinanziertem Eigentum eine mittlere Belastung des Monatsnettoeinkommens durch die Wohnkosten von 87 Prozent. Bei dem folgenden Quartil, also dem Viertel der Haushalte mit den zweitniedrigsten Einkommen, ist der entsprechende Wert zwar nicht mehr derart horrend, liegt aber mit 48 Prozent immer noch äußerst hoch.2 Kreditfinanzierter Eigentumserwerb stellt also für die Hälfte der österreichi- schen Haushalte eine erhebliche finanzi- elle Belastung und damit ein beträcht- liches wirtschaftliches Risiko dar. Wenn man vom Median aus die Einkommens- leiter nach unten steigt, nehmen Belas- tung und finanzielles Risiko logischer- weise stark zu. Eine Einkommensbelas- tung von 87 Prozent im untersten Viertel legt nahe, dass sich dieser Teil der Bevölkerung kreditfinanzierten Ei- gentumserwerb nicht leisten kann. Wenn man diese Menschen, wie in den USA im vorigen Jahrzehnt geschehen, mit Subprime-Krediten in die Verschul- dung lockt, dann ist eine wirtschaftliche Katastrophe vorprogrammiert. Geförderte Mietwohnungen Es ist ein besonderes Verdienst der öster- reichischen Wohnpolitik, dass aus Mit- teln der Wohnbauförderung über die Jahrzehnte ein großer Bestand an preis- Lukas Tockner Abteilung Konsumentenpolitik der AK Wien 1 vgl. Beer/Wagner 2012. 2 vgl. Beer/Wagner 2012, 4.