Arbeit&Wirtschaft 8/201342 Aus AK und Gewerkschaften Fakten statt politischer Aussagen Beim Bad Ischler Dialog sprechen sich Sozialpartner wie Wissenschaft für Kinder- gartenpflicht und Ganztagsschule und gegen zu frühe Schulentscheidungen aus. U nsere Jugendorganisationen haben gefordert, dass die Jugendlichen heuer im Mittelpunkt des Sozial- partnerdialogs stehen sollen“, be- gründete ÖGB-Vizepräsidentin Sabine Oberhauser das Thema der Konferenz von ÖGB, AK, WKÖ und LKÖ, die traditio- nell jeden Herbst in Bad Ischl abgehalten wird. „In die Jugend investieren“ war also das Motto 2013, und unter anderem ging es um leistbares Wohnen. Zwei von fünf 20- bis 29-Jährigen leben noch immer bei den Eltern, und das aus Kostengründen, merkte AK-Präsident Rudi Kaske an. Um den jungen Erwachsenen leistbaren Wohn- raum zu verschaffen, fordern die Sozial- partner neben der Zweckwidmung der Wohnbauförderung auch ein präziseres System bei den Richtwertmieten in Alt- bauwohnungen. Bildung beginnt im Kindergarten Der beste Weg, damit sich Jugendliche ei- ne Wohnung leisten können, sind aber or- dentliche Einkommen – und damit gute Jobs und eine gute Ausbildung. Mit letz- terer, waren sich alle TeilnehmerInnen in Bad Ischl einig, kann man gar nicht früh genug anfangen. Kaske: „Bildung beginnt im Kindergarten, im Bildungsgarten, wie ich gerne sage.“ Oberhauser: „Es geht nicht mehr nur um warm, satt und sauber. Es geht um Kinderbildung, nicht nur um Kinderbetreuung. Die Sozialpartner ver- langen daher ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr.“ Zustimmung kommt aus der Politik – von Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner: „Was in diesem Alter an Bildung versäumt wird, kann spä- ter kaum noch nachgeholt werden“ – und der Wissenschaft: „Die Wahrscheinlich- keit, später auf ein Gymnasium zu gehen, steigt durch Krippenbesuch um 38 Pro- zent“, sagte Jörg Dräger von der deutschen Bertelsmann-Stiftung. Gehen Kinder von Eltern mit Migrationshintergrund in die Krippe, steige die Gymnasialwahrschein- lichkeit um 55 Prozent, bei Kindern von Eltern mit maximal Hauptschulabschluss seien es sogar plus 83 Prozent. In Österreich jedoch gehen viel zu wenig unter Dreijährige in die Krippe – gerade einmal 20 Prozent. In Deutsch- land sind es, so Dräger, auch nur 28 Pro- zent, in Dänemark aber zum Beispiel 72 Prozent. „Wir haben großen Aufholbe- darf“, räumt Minister Mitterlehner ein. Sabine Oberhauser, die auch ÖGB-Frau- envorsitzende ist, sieht ein weiteres Argu- ment für mehr Kindergartenjahre: „Wir müssen in ganz Österreich ausreichend Kinderbildungseinrichtungen anbieten, damit Frauen vermehrt Vollzeit arbeiten können.“ Einig ist man sich, dass das viele Geld, das ins Schulsystem investiert wird, künftig bevorzugt dorthin fließen soll, wo es besonders benötigt wird: an Schulen mit besonders vielen gesellschaft- lich benachteiligten Kindern. Dass das funktioniert, zeigen Erfolge in den Nie- derlanden, Belgien und der Schweiz, be- tonte AK-Präsident Kaske. Auch bei der gemeinsamen Schule der 10- bis 15-Jährigen herrscht im Wesent- lichen Einigkeit – „... ohne beschränken- de Festlegung durch eine frühe Bildungs- entscheidung ...“, heißt das im Konsenspapier der Sozialpartner. Auch dafür gibt es Unterstützung von Jörg Dräger: „Wir werden das gegliederte Schulsystem nicht länger aufrechterhal- ten können. Das ist keine politische Aus- sage, sondern Fakt.“ In der Schule lernen Argumentatives Unterfutter gibt Dräger den Sozialpartnern auch für ihre Forde- rung nach mehr ganztägigen Schulen: „Ganztägige Schulen führen zu besserem Sozialverhalten, höherer Schulfreude, zu mehr Lernmotivation und zu weniger Klassenwiederholungen. Österreich und Deutschland sind die letzten beiden Län- der, die so entwickelt sind, dass sie kein Ganztagsschulsystem haben.“ Ganztägige Schulformen würden mehr kosten als halb- tägige, „aber die Kosten werden abgedeckt von Steuereinnahmen durch höhere Er- werbsbeteiligung der Mütter“. Ein weiteres finanzielles Argument lieferte Rudi Kaske: „Lernen soll in der Schule stattfinden, da- mit Nachhilfe der Vergangenheit angehö- ren kann.“ Mehr als 100 Mio. Euro geben Österreichs Eltern jedes Jahr für Nach hilfe aus. Derzeit sei das ganztägige Angebot an Österreichs Schulen mit etwa 20 Prozent aber viel zu gering, sagte Soziologe Johann Bacher von der Universität Linz. Nachmit- tagsbetreuung würde an fast allen AHS angeboten, kaum aber an den Hauptschu- len. Und: „Was fehlt, sind die verschränk- ten Formen. Der Betreuungsaspekt ist halbwegs gelöst, aber der pädagogische Aspekt fehlt nahezu komplett.“ Das Bildungssystem darf keine Ein- bahnstraße sein – Durchlässigkeit lautet das Zauberwort. Im Detail unterscheiden sich die Sozialpartner dann aber doch, Florian Kräftner ÖGB Kommunikation