Arbeit&Wirtschaft 9/20138 Interview Arbeit&Wirtschaft: Karl Proyer, seit 25 Jahren beschäftigst du dich mit Kollektivvertrags-(KV)-Politik, verhan- delst mit Führungskräften. Was hat sich in dieser Zeit geändert? Karl Proyer: In Österreich ist bei KV- Verhandlungen natürlich die Frage der Sozialpartnerschaft sehr wichtig. Faktum ist, dass auf beiden Seiten neue Verhand- lerInnen am Tisch sitzen und dass als gro- ßer Trend eine „hidden agenda“ spürbar ist: Die Arbeitgeber haben keine Hem- mungen mehr und wollen auf ihre Art die Sozialpartnerschaft neu definieren. Ich nenne das zwischenzeitlich auch einen Klassenkampf von oben. In der Sichtwei- se vieler Arbeitgeber stört ja die sozialpart- nerschaftliche Verhandlungssituation. Vielen geht es offenbar darum, die Ver- handlungsebene auf Augenhöhe in eine neoliberale „Anordnungspartnerschaft“ zu transferieren, wie es manche Führungs- kräfte vielleicht gewohnt sind. Das bedeu- tet, dass die Gewerkschaftsbewegung darauf achten muss, dass die Augenhöhe gewahrt bleibt – so steht im Moment eine Art Neuverhandlung der Sozialpartner- schaft auf der Agenda: Neue Personen, neue Unverschämtheiten auf der Arbeit- geberseite – wir stellen uns dieser Neu- interpretation. Die ArbeitnehmerInnen- vertretung wird eine einseitige Neuinter- pretation der Sozialpartnerschaft jedenfalls nicht einfach zur Kenntnis nehmen. Wie agieren die Führungskräfte am Verhandlungstisch? Es ist ein großer Unterschied, aus welchen Bereichen Arbeitgeber am Verhandlungs- tisch sitzen: Da gibt es den öffentlichen Bereich, die halböffentlichen Bereiche, aber eben auch Arbeitgeber aus großen amerikanischen Konzernen, aus Konzer- nen aus Deutschland, aus österreichischen Gesellschaften oder z. B. aus österreichi- schen Familienunternehmen. Das ist eine ziemliche Bandbreite. Die ManagerInnen aus den amerikanischen Konzernen ar- beiten alle nach ihren eigenen „Konzern- bibeln“. Wenn man länger dabei ist, wirkt es befremdlich, dass sich alle diese „Bibeln“ eigentlich sehr ähnlich sind und alle im Grunde einengen und dasselbe aussagen – soviel zum Spielraum des modernen Managements. In deutschen „Compliance-Hand büchern“ ist das wie- der anders. Führungskräfte können nichts mehr entscheiden, fragen immer „irgend- wo“ nach und folgen ihren Compliance- Spiel regeln. Und die österreichischen Fami lienunternehmer glauben wieder, die Betriebsräte und Gewerkschaften seien ihre Angestellten, ihre Befehlsempfänger. Für die Verhandlungen bedeutet das? Dass große Unterschiede bestehen. Ähn- lich ist, dass alle darum die Verhandlungs- hegemonie als Arbeitgeberorganisation durchsetzen wollen. So kommt es – sozu- sagen naturgemäß – zu Konflikten, die ich aber nicht bedauere. Besonders spürbar war das zuletzt in der Metallindustrie. Dort heißt die „hidden agenda“, die ge- heime Absicht, schlicht und ergreifend: den Einfluss der Betriebsrätinnen und Be- triebsräte sowie der Gewerkschaftsbewe- gung in zentralen Fragen wie der Einkom- mens- und der Arbeitszeitpolitik zurück- zudrängen. Die Arbeitgeberstory mit der Verbetrieblichung der Lohn- und Arbeits- zeitbeziehungen heißt für die Betriebsräte nicht, dass dann der Entscheidungsspiel- raum größer wird. Woher kommt dieser Wandel in Hin- blick auf die Sozialpartnerschaft? Das hat mit der zunehmenden Bedeutung der Verteilungsfrage zu tun – der Vertei- „Zeit der Betriebsräte und Gewerkschaften kommt erst“ „Mr. Kollektivvertrag“ Karl Proyer, GPA-djp, über Führungskräfte. Z U R P E R S O N Karl Proyer Geboren am 13. Oktober 1953 in Eisenstadt Verheiratet, zwei erwachsene Kinder 1969–1980: Radiofabrik Ingelen/ ITT Schaub Lorenz (Wien), Radiomechaniker, REFA-Grund- schein, Werkmeister für Maschinenbau und Betriebs- technik, Angestelltenbetriebsrat, Gewerkschaftsschule, IFF-Ausbildung (Arbeiten mit Gruppen und Organisa- tionen), Trainerausbildungen 1980–1988: Sekretär in der GPA-Zentrale, Betreuung zahlreicher Industrie- und Gewerbebranchen sowie zahlreicher Industrie- und Gewerbebetriebe 1988–2000: Stv. Leitender Sekretär in der Sektion Industrie und Gewerbe 2000–2005: Geschäftsbereichsleiter Interessenvertre- tung, zuständig für die Wirtschaftsbereichsarbeit und Kollektivvertragspolitik Seit April 2005: Stv. Bundesgeschäftsführer der GPA, folglich ab November 2006 GPA-djp (www.gpa-djp.at), zuständig für Wirtschafts bereichsarbeit und die Kollektivvertrags politik, die Bereiche Organisierung und Marketing sowie den Bundesjugendbereich Mitglied im AMA-Verwaltungsrat Kammerrat in der AK Wien