Arbeit&Wirtschaft 9/2013 9Interview lung von Geld und von Zeit – und natür- lich auch mit der Debatte um das soge- nannte Direktionsrecht. In großen Kon- zernen wäre es wichtig, dass man bis zur letzten Stelle durchgreifen kann, da werden Arbeitnehmervertretungen und Gewerk- schaften bzw. überbetriebliche Rahmen- vereinbarungen als störend empfunden. Das ist nicht neu. Wenn man z. B. Aus- sagen von Arbeitgebern gerade aus der Metallindustrie liest, erinnern die sehr stark an die Briefe, die Krupp vor mehr als hundert Jahren an „seine Untergebenen“ geschrieben hat. Es ist bemerkenswert, wie gewisse Formulierungen immer wieder- kehren: „Arbeiten, wenn Arbeit da ist.“ Die Lektüre dieser Briefe lohnt sich. Da wird der Staat oder das Unternehmen mit einer Familie verglichen – „es gibt halt nur ein Einkommen und man kann nicht mehr verteilen, als da ist“. Einer der Arbeitgeber hat bei einer der Herbst-Ver- handlungsrunden tatsächlich Betriebs- rätinnen und Betriebsräte sowie Gewerk- schaften als „Bittsteller um Taschengeld“ bezeichnet. Das ist eine Ideologie der Verfügbar- keit über Eigentum, Geld und Zeit. Da holen viele Arbeitgeber alte patriarchale Thesen wieder aus der Mottenkiste. Teils im neuen Gewand? Nicht immer. Ich glaube, viele der jünge- ren VerhandlerInnen wissen gar nicht, dass es das alles schon gab, sie haben wenig Wissen über die – aber auch kein Inte resse an der – Gewerkschaftsbewegung, sie ist ihnen egal! Jenseits der Verhandlungs ebene geht es in der Realpolitik darum, dass bei geringerem Wirtschaftswachstum, gerin- ger Ergiebigkeit von Dienstleistungen am Markt bzw. bei sinkenden Produktionen die Auseinandersetzung um die Ergebnisse heftiger wird. Es geht darum, ob die Ei- gentümerInnen mehr, gleich viel oder we- niger bekommen oder ob die Beschäf- tigten, von dem was zu verteilen bleibt, einen größeren Anteil bekommen. Dient die Krise eigentlich auch als Vor- wand, um manches durchzuziehen? Ja klar, all das, was als Krise tituliert wird und die Stimmung bei den Arbeitgeber- VerhandlerInnen hängen zusammen. Die Argumentation der Arbeitgeber wird hef- tiger. Anscheinend glaubt man, auf eine geschwächte ArbeitnehmerInnenbewe- gung zu treffen. Ist aber ein Irrtum! Ich glaube, dass die Unternehmens- einkommen, die Dividenden, die Ge- winnentnahmen etc. ungebrochen vor- handen sind. Es ist nicht so, dass kein Geld da ist. Es geht uns in der Gewerk- schaftsbewegung darum, dass in Zukunft die Eigentümer mehr Beiträge zur Be- wältigung der wirtschaftlichen Krise und der Arbeitsmarktsituation leisten. Man nutzt die allgemeine Stimmung, um die ArbeitnehmerInnen zur Kasse zu bitten. Die Auseinandersetzung läuft über das Geld der Eigentümer, die sagen zwar, sie wären bereit Beiträge zu leisten. Nur gibt es keine einzige Kennzahl, an der man das ablesen kann. Die rückläufigen Inves- titionen in der Realwirtschaft verbessern die Unternehmenseinkommen, das ein- gesparte Geld landet in den Eigentümer- strukturen. Das heißt für die ArbeitnehmerInnen? Für die Menschen bedeutet das, dass sie ohne neue Investitionen gekündigt wer- den, dass ältere Beschäftigte den Job verlieren, dass unsere Kinder weniger Chancen haben, einen Job zu bekommen. Angst ist mittlerweile wieder ein ständiger Begleiter am Arbeitsplatz. Das sagt auch das Strukturwandelbaro- meter der Arbeiterkammer. Ja, aber bevor wir in Pessimismus verfal- len: Die österreichische Gewerkschaftsbe- wegung ist ja bislang nicht völlig einfluss- los. Es gibt uns noch immer als gestalten- de Kraft. Wir haben in Österreich in den letzten Jahren seit der Krise den Niedrig- lohnbereich im Vergleich zu allen anderen europäischen Ländern dynamischer ent- wickelt. Wir haben nach wie vor 97,5 Pro- zent Abdeckungsgrad durch Kollektivver- träge. Gerade wieder haben wir neue KVs abgeschlossen. In Wirklichkeit schaffen wir – Betriebsrätinnen und Betriebsräte sowie Gewerkschaften – es gemeinsam, eine KV-Politik gegen die europäische Entwicklung umzusetzen. In den vergangenen Jahren ist es z. B. gelungen, die Zahl der freien Dienstver- hältnisse zurückzudrängen. Die Teilzeit- arbeit ist gut abgesichert, der Teilzeitzu- schlag ein sozialpolitischer Meilenstein. Überlassene Arbeitskräfte sind in Öster- reich wie in keinem zweiten europä- ischen Land abgesichert. Die Kontinui- tät in der Lohn- und Gehaltspolitik ist beachtlich. Wir haben regelmäßig zwölf Monate kollektivvertragliche Laufzeiten – viele Beschäftigte glauben daher, es gebe ein „Ministerium für die Erhöhung von Löhnen und Gehältern“. All das vor Wenn man z. B. Aussagen von Arbeitgebern gerade aus der Metallindustrie liest, erinnern die sehr stark an die Briefe, die Krupp vor mehr als hundert Jahren an „seine Untergebenen“ geschrieben hat. Es ist bemerkenswert, wie gewisse Formulierungen immer wiederkehren: „Arbeiten, wenn Arbeit da ist.“ © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm