Arbeit&Wirtschaft 9/201320 Schwerpunkt Unternehmen mit beschränkter Verantwortung Corporate Social Responsibility (CSR) ist oft nur Imagepolitur. C orporate Social Responsibility (CSR) – klingt gut und ist gut fürs Image und den Profit. Wirklich nachhaltiges Wirtschaften aber braucht verbindliche anspruchsvolle Re- gelungen und Normen. Kann ein Konzern, der für mehrere Ölkatastrophen verantwortlich ist, der in Bürgerkriege und Waffenhandel verwi- ckelt war und mit Militärregimen koope- riert1, einen CSR-Preis bekommen? BP, viertgrößter Konzern der Welt, wurde 2007 zum nachhaltigsten Unternehmen weltweit gekürt. Kein Einzelfall, gleich mehrere der im neuen Schwarzbuch Mar- kenfirmen angeführten Namen finden sich auch auf Listen mit CSR-Preisen. Für Insider nicht wirklich verwunderlich, denn allgemein gehaltene, substanzlose Formulierungen und Leitfäden, die oft kaum über das hinausgehen, was vom Gesetzgeber ohnehin vorgeschrieben ist, sind typisch für die CSR-Branche. CSR ist ein „Konzept, das den Un- ternehmen als Grundlage dient, auf frei- williger Basis soziale Belange und Um- weltbelange in ihre Unternehmenstätig- keit und in die Wechselbeziehungen mit den Stakeholdern zu integrieren“ – so die Definition der EU-Kommission 2001. Stakeholder, also die verschie- denen Interessengruppen (Kundinnen und Kunden, Aktionärinnen und Aktio- näre, Lieferantinnen und Lieferanten, MitarbeiterInnen etc.), spielen im CSR- Konzept eine große Rolle. Doch welche dieser Gruppen wird tatsächlich wann und wie einbezogen? Diese Gewichtung kann jedes Unternehmen für sich selbst vornehmen. Greenwashing Sozial, nachhaltig und umweltfreundlich, das klingt gut, braucht aber anspruchsvol- le Kriterien und Benchmarks, damit wirk- lich etwas passiert. Abgesehen von einzel- nen engagierten KMUs ist CSR meist der Versuch der großen Konzerne, dem neo- liberalen Kapitalismus eine grüne bzw. nachhaltige Fassade zu geben – als Ant- wort auf konzernfeindliche Kampagnen, die die gesellschaftliche Akzeptanz eines Unternehmens bedroht haben. Außer- dem: Die meisten Unternehmen tun ir- gendetwas Nützliches für die Gesellschaft, das über gesetzliche Anforderungen hin- ausgeht. In der Regel geht es dabei aber sehr wohl direkt oder indirekt wieder um Profit: Energiesparmaßnahmen etwa schonen nicht nur die Umwelt, sondern auch das Budget. Wieder andere Maßnah- men – entsprechend kolportiert – helfen, das Image zu verbessern und beleben so das Geschäft. Ein glänzendes Image hat viele Vor- teile: „Verantwortungsvolle“ Unterneh- men, die sich an (selbst definierte!) Bran- chencodes und Zertifikate halten, müssen weniger reguliert werden. „Im- mer stärker zeigt sich die Wirtschaft samt ihren Verbänden von der Schokoladen- seite und ergreift die Initiative in allen Feldern der Nachhaltigkeit. Damit ge- lingt es ihr, die Themen vorzugeben und entsprechend ihren Wünschen zu gestal- ten. Gleichzeitig werden aber notwen- dige gesetzliche Regelungen – manchmal mit enormem Lobby-Aufwand – mit al- len Mitteln verschleppt, verwässert oder ganz verhindert“, beschreibt die NeSoVe- Broschüre „CSR – Schein oder Nicht- schein – Das ist hier die Frage“ die vor- herrschende Praxis. Bluewashing Die Aussagekraft diverser Gütesiegel ten- diert daher gegen Null: Das EU-Umwelt- management-System EMAS (Eco Manage- ment and Audit System) etwa lässt den Betrieben weitgehend Gestaltungsfreiheit. Es werden zwar Prozesse festgelegt, das zu erreichende Niveau kann aber frei gewählt werden. Dementsprechend zählen auch Produzenten von Luxusautos mit hohem Benzinverbrauch und AKW-Betreiber zu den EMAS-Zertifizierten. Der UN Global Compact wurde 1999 unter Kofi Annan entwickelt. Seine Anforderungen ent- sprechen zum Teil den ILO-Kernarbeits- normen bzw. geben im Wesent lichen die Einhaltung elementarster Menschenrech- te sowie bestehender Gesetze vor. Die Niedrigschwelligkeit der Prinzipien des Global Compact wurde von vielen NGOs heftig kritisiert. Mit dem sogenannten Bluewashing (durch ein UN-Zertifikat oder Gütesiegel) können sich Unter- nehmen relativ einfach ein nachhaltiges Image zulegen. Beim ISO 26000 Guidance on Social Responsibility gibt es zwar einige positive Aspekte, aber zum Teil stellen sie für entwickelte Länder wie Österreich sogar einen Rückschritt gegen- über bestehenden gesetzlichen Regelungen dar. CSR-Zertifizierungen, Schulungen Astrid Fadler Freie Journalistin 1 Lobo K. W., Weiss H. : Das neue Schwarzbuch Markenfirmen, Ullstein 2010.