Arbeit&Wirtschaft 9/201322 Schwerpunkt D as waren noch Zeiten, als über die Frage der Verfügung des gemein- sam geschaffenen Mehrwerts de- battiert wurde: „Expropriiert die Expropriateure – Enteignet die Ent- eigner!“ – diese dicken Kapitalisten mit Zigarre und Frack. Trotzdem war damals die Welt noch ein Stück weit in Ordnung. Der Profitmaximierung haftete wenigs- tens der Makel des Unmoralischen an und die Erfolgsmessung war relativ ein- fach: Die eigentümergeführten Unter- nehmen drängten zwar auf schwarze Zah- len, allerdings ohne dabei die Langfrist- perspektive aus den Augen zu verlieren – sollte doch der jetzt geschaffene Wert noch für das Wohl heranwachsender Familiengenerationen sorgen. So führte im Idealfall der Patriarch als „ehrbarer Kaufmann“ weitblickend und mit einer breit aufgestellten Produktpalette, um das Risiko zu streuen. Im Visier der Rendite-Jagdgesellschaft Der klassische Eigentümerkapitalist ist passé. Einem zeitgemäß geführten Kapi- talmarktunternehmen genügt es nicht, unaufgeregt zu wirtschaften. Es reicht nicht, mit Produkten und Dienstleistun- gen wettbewerbsfähig zu sein. Profitma- ximierung um jeden Preis ist angesagt. Die Treiber dieser einseitigen Unterneh- mensentwicklung sind mächtige Finanz- investoren, um die nach allen Regeln der Kunst gebuhlt wird. Eine neue Wett- bewerbsdimension ist eröffnet: Das Rennen um den smarten Fondsmanager, so gesichtslos und anonym, dass er nicht einmal karikaturfähig ist. Mit einem eigens geschaffenen Investor Relations Management und spektakulären Roads- hows sollen vielversprechende Ertrags- fantasien geweckt werden. Die hohen Erwartungen gehen allerdings nicht im- mer in Erfüllung. Das hat nicht nur die Finanzkrise 2008, sondern schon das Platzen der Dotcom-Blase im März 2000 gezeigt: Dem Herdentrieb folgend, wur- de in die boomende New Economy in- vestiert. Der Mythos eines neuen ökono- mischen Paradigmas, das von den digi- talen Technologien verkörpert wurde, wirkte stärker als fundamentale betriebs- wirtschaftliche Daten. Kapitalmarkt und Realwirtschaft Neben der Realwirtschaft hat sich so immer mehr ein Paralleluniversum he- rausgebildet. Der Unternehmensberater Rudi Wimmer spricht in diesem Zu- sammenhang von einer kollektiven Seh- schwäche, die nur auf Grundlage sich selbst verstärkender Regelkreise zu ver- stehen ist: Vorstände, Analysten, Invest- mentbanker und Investoren immunisie- ren sich solange es nur geht wechselseitig gegen die Erschütterung ihrer Bilder. Die unterschiedlichen Logiken von Kapital- markt und Realwirtschaft haben massive Auswirkungen auf die Führungsstruktur von Unternehmungen. Quersubventionierungen zwischen ertragsstarken und ertragsschwächeren Geschäftsbereichen werden zu Gunsten der Konzentration auf das Kerngeschäft aufgegeben. Dafür soll dort die Markt- position gefestigt und ausgebaut wer- den. Randleistungen werden outge- sourct, um das Portfolio den Erwar- tungen der Analysten entsprechend zu gestalten. Dem gleichen Ziel dienen die – periodisch angekündigten – Personal- abbauprogramme, die den ernsten Wil- len zur Wertsteigerung dokumentieren sollen. Ökonomische Radikalität Die eindimensionale Ausrichtung am Shareholder Value führt zu einer Spirale der wechselseitigen Überbietung von Ge- winn- und Rentabilitätszielen. Die an deren Erfüllung knüpfenden Boni moti- vieren das Management zu immer gewag- teren Strategien und kurzfristigem Den- ken. Der Vorstand als Getriebener des Aktienmarkts versucht alles, um den Wunsch nach steigenden Kursen zu be- friedigen. Die Führungsebenen unter dem Top-Management (Geschäftsberei- che, Tochtergesellschaften) sind angehal- ten, die versprochenen Ziele kaskadenar- tig auf die letzte Business Unit herunter- zubrechen. Das schafft, so Rudi Wimmer, eine Führungskonfiguration an der Spitze Christina Wieser, Ulrich Schönbauer AK Wien – Betriebswirtschaft Der Preis des Shareholder-Value- Managements Wie die Radikalität den Beschäftigten und dem ökonomischen Erfolg schadet. I N F O & N E W S Der AK-Strukturwandelbarometer ist ein Projekt der Abteilungen Betriebswirt- schaft, EU und Internationales, Sozial- politik und Wirtschaftspolitik und ist unter tinyurl.com/olmtxzz abrufbar. Der Grafikteil in der vorliegenden Arbeit& Wirtschaft (vgl. S. 24–25 ) beschreibt exemplarisch die wichtigsten Ergebnisse des Strukturwandelbarometers.