Arbeit&Wirtschaft 9/2013 27Schwerpunkt Mitarbeiter sollen je nach Art der Arbeit und nach Stimmung verschiedene Arbeits- plätze zur Verfügung stehen, wie Meeting- räume, Großraumbüros oder die Cafeteria. Diese Maßnahme soll die Kommunikation vor allem zwischen verschiedenen Unter- nehmensbereichen erhöhen – im besten Fall sitzt man jeden Tag neben anderen Kollegen und Kolleginnen. Schon der bis- herige Arbeitsalltag vieler Arbeitneh- merInnen ist vor allem durch Projekt- und Teamarbeit und durch Arbeit in unter- schiedlichen kulturellen und sprachlichen Kontexten geprägt. Dies erfordert eine große emotionale und soziale Flexibilität – nicht nur weil unterschiedliche Arbeits- ziele, sondern auch ganz verschiedene Persönlichkeiten aufeinandertreffen. Ins- besondere das Konzept des freien Arbeits- platzes stellt eine Verschärfung dieser Situation dar, denn es gibt für die Beschäf- tigten keinen Rückzug mehr aus der Kom- munikation und die mitunter notwen - dige Ruhe und Zurückgezogenheit beim Arbeiten fehlt. Mehr Autonomie – mehr Druck? Eng mit der Freiheit der Arbeitsplatzwahl und dem Verschwimmen der zeitlichen Grenzen hängt die Entwicklung neuer Managementformen zusammen, die von einer direkten Befehlsstruktur abgehen und sich stattdessen stark an Ergebnissen orientieren. Wie man eine Aufgabe erledigt und wie lange man benötigt, tritt dabei in den Hintergrund. MitarbeiterInnen und Vorgesetzte vereinbaren vielmehr spezifi- sche Ergebnisse und Ziele, die in einem bestimmten Zeithorizont zu erreichen sind. Dabei wird dem/der ArbeitnehmerIn eine größere Selbstständigkeit inklusive erwei- terten Handlungs- und Entscheidungs- spielräumen zugestanden. Der direkte Zwang im Alltag fällt zwar weg, aber es entsteht für viele Betroffene eine paradoxe Situation, nämlich „mehr Druck durch mehr Freiheit“1. Es obliegt nicht mehr der Führungskraft den Rahmen abzustecken, sondern Selbstverantwortung steht im Vordergrund. Der/die ArbeitnehmerIn muss selbst entscheiden, wann er oder sie die Kommunikationsmittel ausschaltet, wann er oder sie arbeitet und wann die Erreichbarkeit für Kollegen, Kolleginnen und Vorgesetzte notwendig ist. Der posi- tive Zuwachs an Freiheit und Selbstbestim- mung kann daher auch in Überforderung und Selbstausbeutung münden. Im Interesse der ArbeitnehmerInnen? Die Aufgabe der Arbeitnehmerinteressen- vertretungen in den nächsten Jahren wird sein, auf die neuen Herausforderungen zu reagieren und die Weichen für ein gesundes Arbeitsleben zu stellen. Es muss einen Ausgleich von Arbeitneh- merInnen- und ArbeitgeberInnenflexibi- lität geben und ebenso Maßnahmen zur Erhaltung der psychischen und physischen Gesundheit. Diese Aufgabe wird angesichts der be- schriebenen Herausforderungen keine leichte sein. Viele der vorgeschlagenen neuen Arbeitsformen vereinen nämlich sowohl positive als auch negative As- pekte, wenn es um die Bestimmung von „guter Arbeit“ geht. Die Abwägung lässt sich oft nur für den Einzelfall vorneh- men, denn dazu sind viele Parameter wichtig, wie Branche, tatsächliche Tätig- keit, private Lebensumstände. Anzumer- ken ist auch, dass die bisher gelebten Konzepte zwar medial großes Aufsehen erregt haben, aber fraglich ist, ob sie sich tatsächlich für eine breite Umsetzung in der gesamten Arbeitswelt eignen. Denn erstens handelt es sich bei den Vorreitern um Unternehmen, die Experimente auch aufgrund großer finanzieller Ressourcen wagen können. Zweitens bieten sich auch die Tätigkeitsfelder dieser Unternehmen für das „neue Arbeiten“ an. Eine sehr hohe Technikaffinität und überwiegend projektbezogenes Arbeiten in verschieden zusammengesetzten Gruppen lässt sich aber nicht auf die Mehrheit der Arbeits- verhältnisse übertragen. Die Conclusio für die Arbeitnehmer- interessenvertretungen bleibt daher am- bivalent: Monitoring der neuen Entwick- lungen und Aufklärung über die Gefah - ren. Auf der anderen Seite: Die Heraus- forderung neuer Konzepte annehmen und aus den zum Teil auch positiven Erfahrungen der schon jetzt betroffenen ArbeitnehmerInnen lernen. Internet: Strukturwandelbarometer AK: tinyurl.com/orw3osq Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin charlotte.reiff@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm In Österreich machte zuletzt Microsoft mit seinem Konzept des „neuen Arbeitens“ von sich reden. Im neuen Microsoft-Büro in Wien wird auf aktuellste technologische Ausstattung, freie Arbeitsplatzwahl, Vertrauensarbeitszeit, zahlreiche durchdesignte Meetingräume und eine Rutsche gesetzt. 1 S. dazu schon Glißmann/Peters: Mehr Druck durch mehr Freiheit. Die neue Autonomie in der Arbeit und ihre paradoxen Folgen (2001)