Arbeit&Wirtschaft 9/201340 Wir sind Europa I m Dachverband TUC sind bis heute noch 53 Fachgewerkschaften vereinigt. Die Zahl der Gewerkschaften ist aber wie in vielen anderen Ländern durch Fusi- onen stark sinkend. Insgesamt vertritt der TUC rund sechs Mio. Mitglieder. Ich durfte mein Europapraktikum in der Unite, der größten Fachgewerkschaft – mit 1,4 Mio. Mitgliedern –, machen. Die Unite legt auch sehr viel Wert auf in- ternationale Arbeit und pflegt unter ande- rem eine sehr gute Zusammenarbeit mit den United Steelworkers in den USA. Die Unterschiede zwischen Öster reich und dem United Kingdom sind enorm. Zwei wesentliche Unterschiede sind: » Es gibt für Betriebsrätinnen und -räte keinen fixen Freistellungsanspruch. Dies ist alles innerbetrieblich zu regeln. » Es gibt keine Branchenkollektivver- träge, sondern fast ausschließlich Betriebs- kollektivverträge. Politische Situation Die Gewerkschaften haben seit der Ära von Margaret Thatcher mit Strukturänderun- gen und Mitgliederschwund hart zu kämp- fen. Die Gesetzesverschlechterungen, die Thatcher in ihrer Zeit durchgeführt hat, sind großteils heute noch vorhanden. Ob- wohl die Labour Party aus den Gewerk- schaften entstanden ist und auch lange den Premierminister stellte, konnten keine we- sentlichen Verbesserungen erreicht werden. Die Labour Party wird heute noch mit ei- nigen Millionen Pfund im Jahr von den Gewerkschaften finanziert. Insgesamt ist der Einfluss in der Partei aber seit der Ära Tony Blair gesunken. In den vergangenen Jahren versuchten sie aber wieder mehr Ein- fluss in der Partei zu bekommen. Es sind alleine in der Unite sechs hauptamtlich Vollzeitbeschäftigte in London und dazu noch in jeder Region eine Halbtagskraft für die politische Arbeit abgestellt. Mitglieder Der Mitgliedsbeitrag beträgt, egal wie viel ein Arbeitnehmer verdient, 12,05 Pfund pro Monat (14,35 €). Dazu kommen noch, außer es widerspricht jemand ausdrücklich, 6,06 Pfund pro Monat (7,21 €) Mitglieds- beitrag bei der Labour Party. Der Mitgliederschwund seit der Thatcher-Ära konnte nie wieder aufgeholt werden. Seit 2005 wird ein neues Modell der Mitgliederwerbung versucht. Es wur- den seit dem genannten Jahr Tausende Betriebsrätinnen und -räte sowie Gewerk- schafterInnen in der eigens eingerichteten Organizing-Akademie in Oxford ausge- bildet. Seit 2011 sind die ersten Erfolge sichtbar. Der Mitgliederstand ist zum ersten Mal seit Jahrzehnten nicht zurück- gegangen, sondern gestiegen. Die zwei Formen, die sie beim Organi- zing durchführen, sehen so aus: 1. Sektorales Organizing Hier wird versucht, mittels branchen- spezifischen Organizings neue Mitglieder zu gewinnen. Es werden eine oder mehre- re Branchen herausgefiltert und dann wird vor Firmen und mittels Briefen und maßgeschneiderter Kampagnen auf die Gewerkschaft aufmerksam gemacht. Es wird einerseits darauf abgezielt, neue Betriebsrätinnen und Betriebsräte in Firmen zu installieren und andererseits in schon organisierten Betrieben neue Mitglieder zu gewinnen. 2. Leverage Organizing Hier wird vor Betrieben, bei denen man weiß, dass es arbeitsrechtliche Pro- bleme (z. B. Blacklisting = Firmen stellen keine ArbeitnehmerInnen aufgrund ihrer Gewerkschaftsmitgliedschaft ein oder Fir- men kündigen ArbeitnehmerInnen, die Gewerkschaftsmitglieder sind) gibt, mit kleinen konzentrierten Demos darauf auf- merksam gemacht. Bei diesen Demos wer- den Kundinnen und Kunden, Lieferanten und MitarbeiterInnen des betroffenen Be- triebes darauf aufmerksam gemacht. Dies geschieht mit lauter, störender Musik, Transparenten und Plakaten, einer großen aufblasbaren Ratte und Megafonen. Die Demonstration ist erst vorbei, wenn sich die Geschäftsführung gesprächsbereit zeigt oder die Polizei die Demo auflöst. Fazit Für mich war die Zeit im United Kingdom sehr wertvoll und interessant. Die Gast- freundschaft und Zuvorkommenheit suchten ihresgleichen. Ich bin überall mit offenen Armen empfangen worden. Ich wünsche meinen Freunden im UK viel Erfolg und Glück bei ihrem harten Kampf für Verbesserungen für alle Arbeitneh- merInnen. Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor thomas.giner@proge.at oder die Redaktion aw@oegb.at Union Check SOZAK-Teilnehmer Thomas Giner verbrachte sein Europapraktikum bei der britischen Gewerkschaft „Unite the union“. Thomas Giner Teilnehmer des 62. SOZAK-Lehrgangs