Arbeit&Wirtschaft 1/20148 Interview Arbeit&Wirtschaft: Dr. Erhard Busek, Sie sind seit fast 20 Jahren Vorsitzender des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM). Sie sind überzeug­ ter Europäer, Sie haben unsere Geschich­ te miterlebt und mitgeprägt. Erhard Busek: An dieser Stelle muss ich ein Geständnis ablegen: In meiner Schul- zeit war für unsere Lehrer diese Integration von Europa bereits eine Perspektive. Da- mals war ich unter den Skeptikern. Ich kann mich an eine interessante Diskussion mit meiner Deutschprofessorin erinnern, die phantastisch für Europa Stellung bezogen hat. Ich habe ihr damals erklärt: „Das wird nie funktionieren.“ Von ihr kam dann die Frage: „Na, wenn du so gescheit bist, was würdest du anders machen?“ Meine Ant- wort war: „Typisch österreichisch weiter- wursteln.“ Ich erwähne das deswegen, weil ich heute wirklich ein überzeugter Europä- er bin. Europa ist für uns ohne Alternative. Wenn die Europäer als Gesamtes im Rah- men des Global Village, des Weltdorfs, ir- gendeine Rolle spielen wollen, dann müs- sen sie das gemeinsam tun, denn wir sind nur mehr sieben Prozent der Weltbevölke- rung. Noch geht es uns wirtschaftlich ganz gut, aber Sie können sich ausrechnen, wann uns China, Indien und andere überholen werden. Daher müssen wir unsere Rolle als Europäer definieren. Denn wir sind nicht mehr der Kontinent, auf dem Kolonial- mächte zuhause sind. Es ist die offene Fra- ge, ob wir die starke intellektuelle Rolle und die Position in der Forschung aufrecht- erhalten können – auf Seite der Innovation. Das verlangt gemeinsame Anstrengungen. Seit 1. Jänner haben wir die Arbeits­ marktöffnung für Rumänien und Bulga­ rien. Hätten Sie sich diese Entwicklung wirklich damals vorstellen können? Klare Antwort: Nein. Ich habe mich sehr engagiert, um auf der anderen Seite des ei- sernen Vorhanges Gruppen zu unterstüt- zen, die in Richtung Demokratie wollten. Ich habe aber eigentlich nicht mehr damit gerechnet, dass all das zu meinen Lebzeiten Wirklichkeit wird. 1989 war nicht nur ein „Annus mirabilis“ – ein wunderbares Jahr –, sondern hat den Kontinent verändert. Vor allem auch die Position Österreichs. Wir sind aus einer Randlage vom östlichen Rand der westlichen Welt in die Mitte des Kontinents gewandert. Das allein bedeutet schon eine gewisse europäische Verantwor- tung. Im Wirtschaftsbereich ist diese Ver- antwortung meines Erachtens wahrgenom- men worden. Bei der Politik bin ich etwas kritischer. Woran mangelt es bei der Politik? An Konzepten. Es wäre dringend notwen- dig, dass wir in der regionalen Kooperation innerhalb der EU stärker agieren. Dass wir z. B. nicht bei der Visegrád-Gruppe mit Polen, der Tschechischen Republik, der Slowakei und Ungarn sind, halte ich für einen großen Fehler. Wir sind hier gemein- sam zuhause. Ich hoffe, dass uns die Do- nauregionalinitiative EUSDR zusammen- führt. Da sind wir zum Teil ganz gute Spieler, weniger politisch als in den Sach- bereichen. Das geht von der Schifffahrt über Fragen der Wirtschaft, des Verkehrs, der Ökologie und vieles mehr. Aber das lässt sich politisch noch ausbauen. Werden wir dieses Potenzial nutzen können, mit einem sehr jungen Außen­ minister Kurz? Ich würde sagen, Sebastian Kurz hat Chancen, weil sich niemand von ihm etwas erwartet. Da kann er nur noch angenehm Die soziale Frage ist die Herausforderung Erhard Busek über den Donauraum, Mitteleuropa, Österreich und die EU. Z U R P E R S O N Dr. Erhard Busek Geb. am 25. März 1941 in Wien, verheiratet 1959–1963 Studium an der Universität Wien, Juridische Fakultät, Abschluss mit Doktorat, gleichzeitig Werkstudent 1966–1969 Vorsitzender des Österr. Bundesjugendringes 1964–1968 Parlamentssekretär im Nationalrat 1972–1976 Generalsekretär des Österr. Wirtschafts- bundes 1975–1976 Generalsekretär der ÖVP 1976–1978 Stadtrat in Wien 1976–1989 Landesparteiobmann der Wiener Volkspartei 1978–1987 Landeshauptmann-Stellvertreter und Vizebürgermeister von Wien 1989–1994 Minister für Wissenschaft und Forschung 1994–1995 Bundesminister für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten 1991–1995 Vizekanzler der Republik Österreich und ÖVP-Bundesparteiobmann Seit 1995 Vorsitzender des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) Seit November 1996 Koordinator der Southeast European Cooperative Initiative (SECI) 2000–2001 Regierungsbeauftragter der österreichischen Bundesregierung für EU-Erweiterungsfragen Seit April 2000 Präsident des Europäischen Forums Alpbach Seit 1. Jänner 2002 Sonderkoordinator des Stabilitäts- paktes für Südosteuropa