11Arbeit&Wirtschaft 1/2014 nere Organisationen. Organisiert waren hauptsächlich landwirtschaftliche Arbeite- rInnen, ArbeiterInnen in der Textilindustrie und im Bergbau sowie TransportarbeiterInnen. Et- was bessere Rahmenbedingungen wurden geschaffen, als in England und Frankreich PolitikerInnen aus Arbeiterparteien an den Regierungen beteiligt wurden. Das franzö- sische Gesetz über die Gewerkschaftsfreiheit in den Kolonien von 1937 hatte allerdings vorerst noch keine praktische Bedeutung, da die Eroberung Frankreichs durch Hitler- Deutschland und das mit den Nazis zusam- menarbeitende rechte Pétain-Regime seine Umsetzung verhinderten. Dazu kam es erst 1952. Im britischen Bereich förderte die Re- gierung zunächst die Beschäftigung organi- sierter englischer ArbeitnehmerInnen in den Kolonien. 1940 folgte dann das Gesetz, das Europa und seine Nachbarn an der Südküste des Mittelmeers verbindet eine lange – manchmal kriegerische, manchmal friedliche – Geschichte. Aber in den vergangenen 200 Jahren war dieser große Kulturraum, der Europas Entwicklung entscheidend beein- flusst hatte, nur mehr eine Ansammlung von Kolonien europäischer Mächte. War es schon für die ArbeitnehmerInnen in den europäischen Staaten alles andere als leicht, sich Gewerk- schaften zu erkämpfen, so hatten es die Ein- heimischen in den Kolonien noch viel schwe- rer, die bestehenden Koalitionsverbote zu unterlaufen. Selbst die eingewanderten Euro- päerInnen mussten bei Gewerkschaftsgrün- dungen mit Widerstand seitens der Kolonial- behörden rechnen. Trotzdem gelangen sie in Ägypten und Algerien schon vor 1900. In Ägyp- ten waren einheimische Tabak-, Hafen- und Straßenarbeiter die Pioniere, in Algerien legten französische Buchdrucker den Grundstein zum Gewerkschaftsaufbau. Einheimische alge- rische Arbeiter und Angestellte konnten den Gewerkschaften nicht beitreten, erst nach 1900 und vor allem nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich dies. In Marokko verbot die Kolonialverwaltung bis 1914 jede Gewerk- schaftsgründung. Bei Kriegsbeginn erhielten dann die französischen ArbeiterInnen das Ko- alitionsrecht, die MarokkanerInnen mussten darauf bis 1937 warten. Ebenfalls zwischen den beiden Weltkriegen entstanden die ersten Gewerkschaften in Tunesien. Unter den Bedingungen der Kolonialherrschaft konnte sich die Gewerkschaftsbewegung nur langsam weiterentwickeln, in Ägypten bestan- den aber zum Beispiel 1919 immerhin 42 klei- Späte Chance auf Gewerkschaft In Nordafrika verhinderten europäische Kolonialmächte lange Zeit Gewerkschafts- gründungen unter einheimischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. auch einheimischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Gewerkschaftsfreiheit zusi- cherte. Die anderen wichtigen Kolonialmäch- te ließen dagegen weiter keine Gewerkschaf- ten zu. In den Unabhängigkeitskriegen Nordafrikas nach 1945 spielten die Gewerkschaften eine bedeutende Rolle. Das galt besonders für Tu- nesien, wo sich die Organisation auch nicht so stark von den folgenden neuen Diktaturen vereinnahmen ließ wie die Gewerkschaften in den benachbarten Staaten. 2011 erreichte in Tunesien ein Generalstreik das Ende der Diktatur. Zusammengestellt und kommentiert von Brigitte Pellar brigitte.pellar@aon.at Historie © In te rn at io na le Tr an sp or ta rb ei te r- Fö de ra tio n Demonstration marokkanischer Eisenbahner beim Aktionstag der Internationalen Transport- arbeiterföderation (ITF) 2006. Die Transportarbeiter gehörten in den nordafrikanischen Kolo- nien zu den ersten Arbeitnehmergruppen, die es schafften, sich in Gewerkschaften zusam- menzuschließen.