Arbeit&Wirtschaft 1/201418 Schwerpunkt Die traurige Saga von Oltchim Das größte Chemieunternehmen Rumäniens ist durchaus wettbewerbsfähig, doch heute insolvent. Wie kam es dazu? B ukarest/Ramnicu Valcea – es ist ein sonniger Herbstmittag am Fuß der Karpaten, ein kalter Wind weht über das alte Industriegelän- de. Die erste Schicht verlässt die Fabrik. „Wieder haben wir acht Stunden lang die Maschinen poliert und den Staub ge- wischt“, lacht Andrei, einer der Mitarbei- ter, der seinen Nachnamen nicht preis- geben will. Ein paar Meter weiter warten einige Busse, groß und klein. Sie fahren ins Stadtzentrum und in die benachbar- ten Dörfer, wo ein Teil der Belegschaft wohnt. Ein Plakat in der Haltestelle in- formiert, dass die gleiche Firma auch re- gelmäßige Fahrten nach Italien bietet. Dort arbeiten seit Jahren fast eine Milli- on Rumäninnen und Rumänen. Seit 2012 Zahlungsschwierigkeiten Oltchim, das größte Chemieunterneh- men in Rumänien, ist seit einem Jahr in- solvent. „Bald werden wir mit diesen Bus- sen nicht mehr ins Werk, sondern direkt nach Rom oder Berlin fahren“, meint Andrei sarkastisch. Der gelernte Chemie- operator ist 47 und wurde hier in Ram- nicu Valcea geboren. „Die Stadt bot da- mals, kurz vor der Wende, gute Ausbil- dungschancen. Die Berufsschulen arbeiteten mit dem Unternehmen zusam- men. Eine Einstellung bei Oltchim galt als sicher“, erinnert er sich Heute gilt für die rund 100.000 Ein- wohnerInnen der Stadt nichts mehr als sicher. Mehr als 3.300 von ihnen arbei- teten bis vor Kurzem oder arbeiten noch in der Chemiefabrik. Bereits seit 2012 steckt das staatliche Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten. Insgesamt 800 Mio. Euro betragen die angehäuf- ten Schulden. Hinzu kommen 200 wei- tere Mio., die laut EU-Vorschriften be- reits in Umweltschutzanlagen hätten investiert werden müssen. Reizthema Oltchim Oltchim ist ein Reizthema in Rumänien. Das 1966 gegründete Unternehmen gehörte jahrelang zu den besten und bekanntesten Arbeitgebern im Lande. Seine Produkte waren bis vor Kurzem zu 80 Prozent für den Export bestimmt. Vor allem auf dem europäischen Markt gal- ten etwa das rohe PVC-Pulver, die Natronlauge oder das Propylenglykol von Oltchim als sehr begehrt. Westeuro- päische Unternehmen fanden dann für diese Stoffe zahlreiche Anwendungen im industriellen oder Alltagsbereich. Doch seit den 1990er-Jahren ging es langsam bergab. Der Staat konnte fällige Investitionen und Modernisierungen nicht mehr finanzieren. „Unsere Pro- dukte verkauften sich gut, doch die Schulden wurden immer größer“, erin- nert sich Oltchim-Gewerkschaftschef Corneliu Cernev. „Der Staat tolerierte jahrelang die schlechte Zahlungsmoral seiner eigenen Unternehmen, weil die Politik wusste, dass alles andere unrealis- tisch wäre“, erklärt auch der Bukarester Wirtschaftsexperte Cristian Orgonas. „Meistens handelte es sich bei den ange- häuften Schulden um Fälligkeiten ge- genüber anderen staatlichen Unterneh- men oder den Steuer- und Sozialver- sicherungskassen. So blutete die Wirt- schaftssubstanz langsam aus.“ Das Paradoxe: Oltchim könnte durchaus rentabel werden, wenn jemand die entsprechenden Investitionssum- men in die Hand nehmen würde. Für die linksliberale Regierung von Premier Victor Ponta ist der Fall mehr als brisant. Kurz vor den Parlamentswahlen im De- zember 2012 galt es, eine Insolvenz um jeden Preis zu vermeiden. Das linke La- ger hatte die Sparmaßnahmen und Stel- lenkürzungen, die früher von ihren wirtschaftsliberalen Gegnern durchge- setzt wurden, heftig kritisiert; Entlas- sungen konnte es sich nicht leisten. Ein Antrag auf die Genehmigung von Staat- shilfen scheiterte am „Nein“ der EU- Kommission, die darin eine Verletzung der europäischen Wettbewerbsregeln sah. Höchstgebot: 45 Mio. Euro Der IWF erhöhte den Druck auf die ru- mänische Regierung. Es folgte eine lange Privatisierungssaga. Interessiert zeigte sich vor allem der deutsche Chemiekon- zern PCC, der bereits vor ein paar Jahren ein Minderheitspaket der Aktiengesell- schaft Oltchim erworben hatte. Doch dann passierte eine Überraschung: Der Fernsehmoderator Dan Diaconescu brachte sich selbst als Käufer ins Spiel. Mit 45 Mio. Euro bot er viermal so viel wie die PCC in ihren Offerten. Der 44-jährige Journalist mit grauen Haaren und Designerschuhen ist Inha- ber des Trash-Senders OTV, dem die Sendelizenz aufgrund gravierender Ver- stöße gegen die Regeln der Berichter- Silviu Mihai Osteuropa-Korrespondent