Arbeit&Wirtschaft 3/201422 Schwerpunkt Wirtschaftskrise und Qualität der Arbeit? Zu Jahresbeginn waren in der EU 26 Mio. Menschen ohne Arbeit. D ie Schaffung von Arbeitsplätzen ist seit der Europäischen Beschäfti- gungsstrategie 1997 ein immer wieder als wichtig formuliertes Ziel europäischer Politik. Es wurde im Jahr 2000 in der „Lissabon-Strategie“ auf die berühmte Formel „mehr und bessere Ar- beitsplätze“ gebracht. Bis 2007 waren in Europa Beschäftigungszuwächse zu ver- zeichnen. Seit der Finanz- und Wirtschafts- krise ist davon nicht viel geblieben, denn sie hatte folgenschwere Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte: eine rückläufige Ent- wicklung der Beschäftigung und einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Laut EUROSTAT lag die saisonbereinigte Arbeitslosenquote Ende 2013 im Euro- raum (ER-18) bei 12 Prozent, in Griechen- land bei 28 Prozent, in Spanien bei knapp 26 Prozent und in Kroatien bei knapp 19 Prozent. Besonders dramatisch gestiegen ist die Jugendarbeitslosigkeit (unter 25-Jäh- rige), die in Griechenland 59 Prozent, in Spanien knapp 55 Prozent, in Kroatien knapp 50 Prozent und in Italien 42 Pro- zent erreichte. Insgesamt waren im Jänner 2014 in der EU-28 über 26 Mio. Men- schen ohne Erwerbsarbeit. Vor diesem Hintergrund veranstalte- te die AK Wien im Mai 2013 eine Fach- tagung, in der die Frage im Zentrum stand, wie es angesichts dieser Entwick- lungen um die Qualität der Arbeit steht. Dabei wurden Ergebnisse aus drei For- schungsprojekten präsentiert. „Job Quality Index“ Der vom Europäischen Gewerkschaftsin- stitut (EGI/ETUI) entwickelte „Job Qua- lity Index“1 erlaubt einen differenzierten Blick auf die Frage nach der Qualität der Arbeit in den EU-Ländern. Er analysiert die Arbeitsqualität in sechs Dimensionen: dem Niveau und der Verteilung von Löh- nen und Gehältern, dem Ausmaß unfrei- williger befristeter Beschäftigung und Teil- zeitarbeit, den Arbeitszeitregelungen in Verbindung mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, den Arbeitsbedingun- gen, den individuellen Chancen, sich beruflich weiterzuentwickeln und den Möglichkeiten kollektiven Handelns auf betrieblicher Ebene. Die Analysen des Job Quality Index stützen sich auf Daten des Zeitraums von 2005 bis 2010. Darin sind auch die Kri- senjahre enthalten. In den Jahren vor der Finanz- und Wirtschaftskrise herrschte in manchen EU-Ländern ein Wirtschafts- boom. Dessen ungeachtet zeigen die Er- gebnisse, dass insgesamt die Qualität der Arbeit in der EU-27 – wenn auch bisher leicht – gesunken ist. Im Detail wird sichtbar, dass ein Kaufkraftverlust bei den Durchschnittslöhnen und eine unglei- chere Verteilung der Löhne eingetreten sind. Noch deutlicher fallen der Anstieg atypischer Beschäftigung und der Anzahl jener Menschen aus, die unfreiwillig die- sen Beschäftigungen nachgehen müssen. Hier ist der klarste krisenbedingte Zu- sammenhang erkennbar. Auch die Zahl der Beschäftigten, die fürchten ihren Ar- beitsplatz zu verlieren, hat sich signifikant erhöht. Dem gegenüber steht eine parti- elle Verbesserung der Arbeitsqualität, weil überlange Arbeitszeiten reduziert wurden und sich in einigen Bereichen die Arbeits- intensität verbessert hat. Diese gestiegene Autonomie am Arbeitsplatz dürfte aber ihren Grund im überdurchschnittlichen Abbau von Arbeitsplätzen mit wenig Au- tonomie haben (z. B. am Bau). Das Aus- maß der Krise und die allgemeine Ent- wicklung der Arbeitsqualität in Europa zeigen im Rahmen des Job Quality Index einen statistischen Zusammenhang, der jedoch nicht sehr ausgeprägt ist. Grund- sätzlich ist das Niveau der Arbeitsplatz- qualität europaweit nach wie vor extrem unterschiedlich. Da die jüngste Untersu- chung im Rahmen des Job Quality Index auf Daten aus dem Jahr 2010 beruht, ist davon auszugehen, dass viele Folgen der Krise für die Arbeitsplatzqualität ihren Niederschlag noch nicht in den statisti- schen Daten gefunden haben. Umso wichtiger ist es daher, die Qualität von Arbeitsplätzen auch in Zukunft nicht aus dem Blick zu verlieren. Bericht der EU-Kommission Wie brisant die Frage nach der Qualität der Arbeit tatsächlich ist, belegt der aktu- elle Bericht der EU-Kommission „Be- schäftigung und soziale Entwicklungen in Europa 2013“2. Darin wird als gravie- rendste Folgewirkung der Finanz- und Wirtschaftskrise der starke Anstieg der Armut(sgefährdung) in der EU ausgewie- Sonja Ertl Referentin in der Abt. Arbeitsmarkt und Integration der AK Wien Ursula Filipic¡ Referentin in der Abt. Sozialpolitik der AK Wien 1 Link: tinyurl.com/ozsykdk 2 Link: tinyurl.com/ofz9n6t