Arbeit&Wirtschaft 4/2014 13Schwerpunkt griffe in den Wirtschaftskreislauf ohnedies für wenig sinnvoll, ja sogar kontrapro- duktiv und ungerecht. Staatliche (solida- rische) Lenkungsmaßnahmen führten demnach nämlich zu Verzerrungen. Statt- dessen solle man die „unsichtbare Hand“ – sprich Selbstregulierung – des Marktes walten lassen. Keynes’ „General Theory“ Viele DenkerInnen sind hier ganz ande- rer Ansicht, wobei an erster Stelle John Maynard Keynes zu nennen ist. Der bri- tische Ökonom sprach sich in seiner „Ge- neral Theory“ dafür aus, dass Staaten oder Institutionen wie Zentralbanken mit ge- zielten finanzpolitischen Maßnahmen die Wirtschaft, vor allem in Krisenzeiten, ankurbeln sollten. So würden die Nach- frage nach Gütern sowie Dienstleistun- gen, Beschäftigung und letztlich der all- gemeine Wohlstand ansteigen. Das sei volkswirtschaftlich sinnvoll und darüber hinaus auch gerecht. Denn aus dem Blickwinkel einer solidarischen Perspek- tive produziert der freie Markt struktu- relle Ungleichheiten, was sich etwa in der Herausbildung von Monopolen und Oli- gopolen widerspiegelt. Der Anhäufung von Kapital auf der einen Seite stünden auf der anderen verarmte Massen von Ar- beiterinnen und Arbeitern gegenüber, weshalb ein soziales Gegensteuern not- wenig sei. Oder vielleicht gleich eine Re- volution? Diese Meinung vertrat wiede- rum Karl Marx, der übrigens dem Begriff der Gerechtigkeit prinzipiell sehr skep- tisch gegenüberstand. Er hielt ihn für ei- nen Teil des bürgerlichen Überbaues, für ein Scheinargument der Bourgeoisie, um die bestehenden Machtverhältnisse zu le- gitimieren. Innerhalb der unterdrückeri- schen kapitalistischen Produktions- und Besitzbedingungen sei Gerechtigkeit laut Marx nicht zu erreichen. Nach der Machtergreifung des Proletariats und der Errichtung einer klassenlosen Gesell- schaft erübrige sich das Problem der Ge- rechtigkeit/Ungerechtigkeit dann von selbst. Interessant ist, dass Marx die Prin- zipien einer kommunistischen Gesell- schaft auch wie folgt formuliert: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach sei- nen Bedürfnissen“ – was wiederum stark an Platon erinnert. Von Rousseau zu Marx Marx greift übrigens auch aus dem Vollen auf den Schweizer Philosophen Jean- Jacques Rousseau zurück. Dieser meinte schon im 18. Jahrhundert, dass der Pri- vatbesitz die Wurzel allen menschlichen Übels sei, der zu einer Herrschaft der Rei- chen über die Armen und Schwachen führe. Die Lösung sieht Rousseau in der Errichtung eines Gesellschaftsvertrags, der durch die freie Übereinkunft aller Bürger zustande kommen muss. Hier soll der Wille der Mehrheit über den Interes- sen einiger weniger Mächtiger stehen. Womit wir wieder bei Diskurs und Ge- setzesfindung, wie sie in einer Demokra- tie üblich sind, angelangt wären. Die Um- setzung ist dann eine Frage der prakti- schen Auseinandersetzung, die sich aus dem gesellschaftlichen Diskussionspro- zess herauskristallisiert. Dass der jeweilige Status quo es allen recht macht, ist dabei unwahrscheinlich – zu unterschiedlich sind die Auffassungen bzw. Interessen. Holzleithner führt weiter aus: „So ist es etwa die Position der Gewerkschaften, dass sozial Schwächere Sozialleistungen beziehen, weil das gerecht ist. Andere mei- nen wiederum, dass solche Leistungen eher Ausdruck von Großzügigkeit statt von Gerechtigkeit seien.“ Wer hier „recht“ hat, mögen die geneigten LeserInnen selbst entscheiden. Markus Marterbauer, Wirtschaftsexperte der AK Wien, gibt da- bei zu bedenken: „Gerechtigkeit ist ein menschliches Anliegen, wobei gerechte Verteilung auch volkswirtschaftlich sinn- voll ist. Die Zeiten hoher Prosperität fal- len mit dem Ausbau des Sozialstaates zu- sammen.“ Der Ökonom meint, dass schon allein die Erwartungen in den So- zialstaat stabilisierend wirken: „Das Ver- trauen in gewisse Sozialleistungen wie zum Beispiel Arbeitslosenunterstützung oder Gesundheitsversorgung halten vom ‚Angstsparen‘ ab. So bleibt gerade in Kri- sensituationen Geld im Wirtschaftskreis- lauf erhalten.“ Anstatt eines harten Spar- kurses wünscht sich der Experte deshalb mehr Investitionen in Bildung und Ar- beit. Marterbauer abschließend: „Die Fi- nanzierung über eine höhere Belastung von großen Vermögen halte ich dabei für vertretbar und gerecht.“ Internet: Mehr Info unter: www.information-philosophie.de Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor harald.kolerus@gmx.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm Jeder soll autonom über sein Leben bestimmen, so weit das möglich ist und nicht mit der gleichen Freiheit anderer kollidiert. Das bedeu- tet, dass niemand unbesehen zum Objekt degradiert werden darf, über das willkürlich bestimmt wird. Jeder Mensch verdient Achtung und Berücksichtigung.