Arbeit&Wirtschaft 4/2014 15Wirtschaft&Arbeitsmarkt seine Theorie einer Schuldendeflations- spirale. Aufgrund von Überschuldung müssen Haushalte und Unternehmen Vermögenswerte abstoßen. Der Ausver- kauf von Vermögenswerten löst Abwärts- druck auf das allgemeine Preisniveau aus. Aufgrund der sinkenden Preise ver- schlechtert sich die Nettovermögenspo- sition der Unternehmen; die Profite ge- hen zurück, Produktion und Beschäfti- gung fallen. Deflationsdruck steigt Überschuldung verursacht demnach de- flationären Druck, der sich wiederum auf die Verschuldung auswirkt: Sinkende Preise erhöhen die reale Schuldenlast, weil die nominal fixierten Schulden mit steigendem realen Eurowert bedient wer- den müssen. Wenn die Preise schneller fallen als der Schuldenabbau voranschrei- ten kann, dann sind die Entschuldungs- bemühungen sogar ein Schuss ins eigene Knie: Je mehr die SchuldnerInnen den Schuldenabbau forcieren, desto höher wird aufgrund des entstehenden Deflati- onsdrucks die Schuldenlast. In der Euro- zone lag die Inflation zuletzt durch- schnittlich nur noch bei 0,5 Prozent. Spanien und Portugal rutschten in ein Deflationsterrain ab, wo Griechenland bereits seit Längerem vorzufinden ist; Ita- lien könnte bald folgen. Damit sind die von Fisher eindringlich beschriebenen Probleme des erschwerten Schuldenab- baus verbunden. Dass verstärkte Sparanstrengungen der privaten Haushalte maßgeblich zur Vertiefung von Wirtschaftskrisen beitra- gen können, hatte auch der britische Ökonom John Maynard Keynes er- kannt. Die Einsicht, dass sich eine Volkswirtschaft selbst ärmer sparen kann, ergibt sich aus dem Sparparado- xon: Gleichzeitiges Sparen einer größe- ren Gruppe privater Haushalte verrin- gert die Konsumausgaben. Die Unternehmen können weniger Güter und Dienstleistungen absetzen, die Ein- kommen sinken. Bei niedrigeren Ein- kommen geht jedoch auch das Sparauf- kommen zurück; dadurch kann der ursprüngliche Anstieg der Ersparnisse mehr als zunichtegemacht werden. Ab- hängig ist dies von den Investitionen, die immer gleich den Ersparnissen sind: Sinken die Investitionen, etwa wegen ungünstiger Absatzerwartungen der Un- ternehmen, dann wird das Sparparado- xon schlagend: Die erhöhte gleichzeitige Sparanstrengung der privaten Haushalte führt zu sinkenden Ersparnissen – je- doch bei niedrigerer Wirtschaftsleistung und geringerer Beschäftigung. Auch die Staaten sparen Nicht nur private Haushalte sparten in den letzten Jahren. Auch Mitgliedsstaaten der Eurozone kürzten ihre Ausgaben und erhöhten Steuern – und zwar nicht nur krisengeschüttelte Länder wie Griechen- land, Portugal oder Spanien. Selbst Deutschland, Österreich oder die Nie- derlande setzten – wenngleich in gerin- gerem Ausmaß – Budgetkonsolidierungs- maßnahmen durch. Eine Stabilisierung der Staatsschulden durch simultane Spar- politik ist jedoch kaum zu bewerkstelli- gen: Die Konsolidierungsmaßnahmen haben negative Effekte auf Wachstum und Beschäftigung. Aufgrund der wech- selseitigen Abhängigkeiten im Euroraum, die insbesondere durch enge Handelsbe- ziehungen gegeben sind, wird es für jedes einzelne Land immer schwieriger, die ei- gene Staatsverschuldung zu stabilisieren, wenn die anderen Länder ebenfalls sparen und dadurch auch ihre Nachfrage nach Produkten aus anderen Mitgliedsländern reduzieren. Am Ende des gleichzeitigen Sparens stehen aufgrund des wirtschaft- lichen Einbruchs höhere Staatsschulden- quoten als zu Beginn, wobei jene Länder mit den größten Sparanstrengungen die stärkste Verschlechterung der Verschul- dungsdynamik verzeichnen. Das Prob- lem ließe sich dadurch entschärfen, dass Länder wie Deutschland und Österreich ihre Binnennachfrage stärken. Denn so- lange private Haushalte und Unterneh- men den Schuldenabbau nicht abge- schlossen haben, ist es umso wichtiger, dass jene Staaten, die dazu in der Lage sind, zusätzlich Nachfrage schaffen. So- lange jedoch der verfehlte Glaube vor- herrscht, eine simultane Austeritätspoli- tik in der Eurozone würde zu einer Sta- bilisierung der Staatsschuldenquoten führen, spart sich die Eurozone ärmer. Internet: Mehr Info unter: www.social-europe.eu Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor philipp.heimberger@chello.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm Aufgrund von Überschuldung müssen Haushalte und Unternehmen Vermögenswerte abstoßen. Der Aus- verkauf von Vermögenswerten löst Abwärtsdruck auf das allgemeine Preisniveau aus. Aufgrund der sinkenden Preise verschlechtert sich die Nettover- mögensposition der Unternehmen; die Profite gehen zurück; Produktion und Beschäftigung fallen.