Arbeit&Wirtschaft 4/201440 Wir sind Europa E uropa in Flammen“ war das Motto meines Praktikums im ÖGB-Büro in Brüssel 2011. Echte Flammen kamen später. Am Anfang entbrannte mein Herz für die europäische Idee mit ihrer frie- denstiftenden Intention. Trotzdem war mir schon damals klar, dass sich die EU in einem organischen Werdungsprozess befindet. Dass es um nationale Integration durch Anerkennung des Prinzips der überindivi- duellen Autorität der Staatenunion geht. Doch das ist erst die Basis für die wachsen- de Gestaltung der politischen und sozialen Kräfte. Deshalb war mein Praktikumsziel, zu erkennen, welche Mechanismen uns zur Verfügung stehen, um die Demokratisie- rung der EU und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Betriebsräte voranzu- treiben. Als Betriebsrat bin ich täglich mit Interessenkonflikten konfrontiert. Betrieb- liche Interessenvertretung ist ein Teil der Demokratisierung aller Lebensbereiche. Und diese sind nun einmal maßgeblich von den Entscheidungen in Brüssel beeinflusst, die wiederum viel zu oft von den Interessen internationaler Konzerne begleitet werden. Deshalb war es für mich nur logisch, in das politische Zentrum der Macht aufzubre- chen, um diese Mechanismen zu studieren. In der ständigen Vertretung Österreichs sucht man vergeblich nach hemdsärmeligen Klassenkämpferinnen und Klassenkämp- fern. Die Arbeit ist analytisch und strate- gisch – hier werden Kontakte gepflegt, In- formationen gesammelt und Allianzen ge- schlossen. Im ÖGB-Büro geht es darum, frühzeitig Entwicklungen zu erkennen, die unsere Sozialstandards gefährden, und Plattformen für Diskussionen zu schaffen. Mit Lohndumping, „Economic Gover- nance“ und der Finanztransaktionssteuer wurde ich während meiner Arbeit dort be- reits konfrontiert, als es diese Themen in Österreich noch nicht auf den großen Ra- dar geschafft hatten. Was wir satt haben ... Wir Europäischen GewerkschafterInnen ha- ben die unsoziale und antidemokratische Politik ebenso satt wie diskriminierende An- griffe auf sogenannte „Schuldenstaaten“. Wir sehen die Vermögen der wenigen und das Leid von vielen. Vor diesem Hintergrund fällt es leicht, gemeinsam zu diskutieren, zu arbeiten und vor allem Erfahrungen und Ideen auszutauschen. Die ABVV/FGTB (Algemeen Belgisch Vakverbond/Fédération Générale du Travail de Belgique) hat mir Gelegenheit gegeben, mit wunderbaren Be- triebsrätinnen und Betriebsräten sowie Ge- werkschafterinnen und Gewerkschaftern zu arbeiten. Die belgische Gewerkschaft verfügt über komplexe, aber effiziente Organisati- onsstrukturen. Neben den Fachbereichen und politischen Fraktionen gibt es in Belgi- en auch noch die Unterscheidung der flämi- schen und wallonischen Teile. Trotzdem gibt es viele Parallelen zu unserer Situation in Österreich. Auch die BelgierInnen haben hohe Sozialstandards zu erhalten und die ArbeitnehmervertreterInnen sind gut in den Betrieben verankert. Viele Aufgaben, die bei uns vom Betriebsrat abgewickelt werden, gehören in Belgien zum Kompetenzbereich der Gewerkschaften. Die Themen sind ähn- lich wie bei uns: Vom Erhalt und Ausbau sozialer Errungenschaften über den Kampf gegen Lohndumping bis zur Sicherung der Produktions standorte. Konzerne delegieren über internationale Grenzen hinweg ihre Zielvorgaben, losgelöst von Sozialpartner- schaft und Betriebskultur. Über allem schwingt das Damoklesschwert der Ab- wanderung, des Outsourcings und der Be- triebsumstrukturierung. Dabei ist uns Ar- beitnehmervertreterinnen und -vertretern längst klar, wie wir die Zukunft für uns si- chern können: Durch die Aufwertung von hochqualifizierten Produktionsstandorten, durch politische und soziale Sicherheit sowie die Stärkung der Kaufkraft – und mit einer geschlossenen Arbeitnehmerschaft, um das Erreichte zu erhalten und neue Standards zu setzen. Darüber waren wir uns einig. In Luxemburg, auf der großen Zentralkundge- bung des Europäischen Gewerkschafts- bundes, warnten damals im Juni 2011 Zehn- tausende Menschen aus ganz Europa laut- stark vor einem Europa der „Austerität“. Ein Euphemismus für eine knallharte Sparpoli- tik auf Kosten von Sozialstandards, Arbeits- plätzen und in letzter Konsequenz des Hu- manismus. Vor spektakulären Aktionen wurde nicht zurückgeschreckt und als eine riesige Pappkartonpyramide mit den Logos internationaler Konzerne in Flammen auf- ging, wusste ich, dass hier etwas wächst und stärker wird. Ein grenzüberschreitender Ge- danke, der uns rot blinkend warnt vor der ewigen Hölle, die uns erwartet, wenn wir es zulassen, dass das Materielle über die Liebe gestellt wird. Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor gsg-betriebsrat@stiegl.at oder die Redaktion aw@oegb.at Europa in Flammen! Thom Kinberger, SOZAK-Absolvent und Jahrgangssprecher des 60. Jahrganges, absolvierte sein Praktikum in Belgien. Thom Kinberger Teilnehmer des 60. SOZAK-Lehrgangs