Arbeit&Wirtschaft 5/20144 Arbeit&Wirtschaft 10 1Historie Blick ins chinesische Kaleidoskop A ls ich klein war, bekamen wir im- mer wieder Besuch von einem klei- nen Herrn, der mich faszinierte. Herr Hu war Gastprofessor aus Peking – und irgendwie roch er schon anders. Das war aber nicht das Einzige, was anders war, wenn er uns beehrte: Im- mer gab es etwas Exotisches zum Essen, es wurde anderes Geschirr aufgedeckt, und ich lernte, dass man in China nicht mit Messer und Gabel, sondern mit Stäb- chen isst. Fasziniert beobachtete ich, wie geschickt er sich dabei anstellte, während ich befürchtete, nie etwas vom Teller in meinen Mund transportieren zu können. Am Tisch wurde noch dazu eine andere Sprache als Deutsch gesprochen. Beson- ders gut erinnere ich mich an ein Gast- geschenk: Herr Hu überreichte meinem Vater einen Stempel mit verschnörkelten Lettern, die den Namen meines Vaters auf Chinesisch darstellen sollten, wie man mir erklärte. So lernte ich, dass es nicht nur andere Sprachen gibt, sondern auch Länder, in denen man andere Schrift- zeichen als hier verwendet. Paläste und Terrakotta-Armeen Jahre später reiste mein Vater nach China. Erneut war ich fasziniert von den vielen Fotos und Souvenirs, die er mitbrachte. Ich war beeindruckt von den großen Pa- lästen, der Terrakotta-Armee und vom ungewöhnlichen Stadtbild mit den Rad Sonja Fercher Chefin vom Dienst Standpunkt © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm fahrenden Chinesinnen und Chinesen. Zugleich bekam ich mit, dass es ein Land ist, in dem die Menschen nicht sonder- lich frei und schon gar nicht sonderlich wohlhabend sind. Skepsis und Vorurteile Diese kindlichen Erinnerungen wurden wieder wach, als ich die Beiträge dieser Ausgabe las. Seither hat sich in China viel verändert. Man liest und hört von enor- men Wachstumszahlen, gigantomani- schen Bauprojekten, Billiglohn-Sklaven, Umweltverschmutzung, Einschränkun- gen der freien Meinungsäußerung und den Versuchen des Regimes, den Kapita- lismus ins Land zu lassen, ohne dabei auch Demokratie zu importieren. Seit- dem China an der Vermehrung des Wohl- stands arbeitet und dies auch noch in riesigen Schritten tut, ist in Europa die Skepsis erwacht. Diese wiederum lässt auch so manches Vorurteil sprießen: In China kann man ohnehin nur eins, und das ist kopieren. Weil Chinesinnen und Chinesen harmoniebedürftig sind, gibt es keinen nennenswerten Widerstand ge- gen die Ausbeutung der ArbeiterInnen. Wie alle Länder außerhalb Europas sche- ren sie sich nur wenig um Umweltschutz. In all diesen Vorurteilen stecken na- türlich die berühmten Körnchen Wahr- heit, an denen es nichts schönzureden gibt. Wir haben uns mit dieser Ausgabe das Ziel gesetzt, China möglichst facet- tenreich darzustellen. Ähnlich vielfältig wie die Mosaiksteine meines Gedächt- nisses sind auch die vielfältigen Artikel dieser Ausgabe: Es geht um das innova- tive China aus Vergangenheit und Ge- genwart, um Geschlechterrollen, Stadt- planung und Umweltfragen, um chi - nesisches Essen und chinesische Medi- zin, und es geht um chinesische Migran- tinnen und Migranten in Österreich. Wie es sich für eine Gewerkschaftszeit- schrift gehört, stehen die chinesischen ArbeitnehmerInnen im Zentrum. Ihnen sowie der Arbeit der chinesischen Ge- werkschaften sind gleich mehrere Bei- träge gewidmet. Eins gleich vorweg: Es gibt auch positive Nachrichten. Insge- samt ist ein ambivalentes wie vielfältiges Bild eines Landes entstanden, das in der internationalen Politik eine zentrale Rolle spielt. Dank und Wünsche Zum Abschluss noch eine Anmerkung in eigener Sache: Es ist mir eine große Freude, diese Ausgabe der Arbeit& Wirtschaft zu verantworten. Als Auto- rin habe ich die Zusammenarbeit mit Katharina Klee bislang sehr geschätzt und möchte ihr auf diesem Weg alles Gute für die Zukunft wünschen. Ihnen wiederum wünsche ich viel Freude beim Eintauchen in unser chinesisches Kaleidoskop.