Arbeit&Wirtschaft 6/2014 39Schwerpunkt Mögliche Maßnahmen: » Abbau (unbezahlter) Überstunden: Rund 69 Mio. Mehr- bzw. Überstunden wurden 2011 nicht abgegolten. Diese Um- gehung gesetzlicher und kollektivvertrag- licher Regeln bedeutet nicht nur weniger Geld für die Beschäftigten, sondern auch Einbußen für die Sozialversicherung. Über- stunden müssen unattraktiver werden; beim ÖGB-Bundeskongress 2013 entstand die Idee einer Arbeitsmarktabgabe von einem Euro pro Mehr- bzw. Überstunde. » Arbeitszeitverkürzung durch kollektiv- vertragliche Vereinbarungen vor allem für Berufsgruppen, bei denen der Bedarf hoch ist bzw. die Rahmenbedingungen günstig sind (z. B. das Einkommen entsprechend hoch ist). Dies gilt etwa für ältere Arbeits- kräfte, am Bau, in der Pflege etc. » Leichtere Erreichbarkeit der sechsten Urlaubswoche: Die dafür erforderliche 25-jährige Betriebszugehörigkeit wird durch die verstärkte Fluktuation von Be- schäftigten selten erreicht. Vor allem Frauen würden hier besonders profitieren. » Verlängerte Ausbildungszeiten und Weiterbildung verbessern die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und können die Le- bensarbeitszeit verringern. » Innovative Kinderbetreuungsmodelle als Mittel gegen den Gender Gap: Derzeit ist die Verteilung von Arbeit (und Ein- kommen) zwischen Männern und Frauen alles andere als fair. Frauen leisten mit 66 Prozent den Löwenanteil der unbezahlten Arbeit, während das Verhältnis bei der Leis- tung bezahlter Arbeit umgekehrt ist. Hier liegen die Männer mit 61 Prozent deutlich vorne. In Österreich gäbe es kaum Initia- tiven, die eine egalitäre Verteilung der be- zahlten und unbezahlten Arbeit zwischen Frauen und Männern anpeilen, kritisiert die Soziologin Claudia Sorger. Sie verweist auf Schweden, wo die Arbeitszeitreduktion beider Elternteile zur gerechteren Auftei- lung der Kinderbetreuung durch einen Steuerbonus unterstützt wird.3 Mehr Lebensqualität Weitere erfreuliche Konsequenzen: » Durch die tatsächliche Reduktion der Arbeitszeit steigt die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten und die Unfallgefahr sinkt. Und: Wer weniger arbeitet, lebt ge- sünder. So reduzieren etwa starke Rauche- rInnen ihren Zigarettenkonsum deutlich.4 » Wer weniger arbeitet, hat mehr Zeit für die Familie, für (Persönlichkeits-)Bil- dung oder für Freiwilligentätigkeit. » Bei an sich guter Wirtschaftslage ist mit positiven Effekten durch mehr Kon- sumation (von Dienstleistungen) in der gewonnenen Freizeit zu rechnen. » Möglicher negativer Effekt: Obwohl der Großteil der Beschäftigten mit kürze- ren Arbeitszeiten zufriedener ist, fühlen sich durch die Arbeitsverdichtung manche stärker unter Druck. Die letzte umfangreiche gesetzliche Verkür- zung der Arbeitszeit erfolgte in Österreich von 1970 bis 1975. Die Wochenarbeitszeit wurde von 45 auf 40 Stunden gekürzt, der Urlaubsanspruch auf vier Wochen erhöht. 1985 wurde unter Sozialminister Dallinger die fünfte Urlaubswoche eingeführt. Dal- linger, von Medien und politischen Geg- nern unter anderem als „wildgewordener Sozialutopist“ und „Minister für Drohung und soziale Unruhe“ bezeichnet, war ein engagierter Verfechter der Arbeitszeitver- kürzung. Er war überzeugt, dass die 35-Stunden-Woche spätestens 1990 Wirk- lichkeit werden würde. Tatsächlich wurde seit 1985 die (Lebens-)Arbeitszeit vor allem durch das Sinken des Pensionsantrittsalters reduziert. In einzelnen Branchen wurde die Arbeitszeit mittels Kollektivvertrag herab- gesetzt. Heute sind etwa in weiten Teilen der Industrie und des Gewerbes sowie im Handel 38- bzw. 38,5-Stunden-Wochen üblich. Nach wie vor stehen Arbeitszeitver- kürzungen bei KV-Verhandlungen auf der Agenda. In der Metallindustrie (38,5-Stun- den-Woche) soll das Thema heuer aller- dings ausgespart werden. Hier gibt es wie etwa auch in der Elektronikindustrie seit 2013 die Möglichkeit, Ist-Lohn-Erhöhun- gen gegen Freizeit „einzutauschen“. Internet: Arbeitszeit FAIRkürzen, Arbeit FAIRteilen: www.ug-oegb.at Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin afadler@aon.at oder die Redaktion aw@oegb.at 3 Claudia Sorger (2014): Wer dreht an der Uhr? Geschlechterge- rechtigkeit und gewerkschaftliche Arbeitszeitpolitik; Verlag West- fälisches Dampfboot. 4 Taehyun Ahn (2013): Reduction of working time: Does it lead to a healthy lifestyle? School of Economics, Sogang University. Überstunden und All-In-Verträge: Im Alltag vieler Beschäftigter heißt es Ausweitung der Arbeitszeit statt Arbeitszeitverkürzung. Dabei würde die Mehr- heit lieber weniger Stunden mit Arbeit verbringen. © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm