Arbeit&Wirtschaft 6/2014 41Kurzkrimi Man befragte also die Chefbuchhal- terin Liane Berger. „Einige Angestellte haben größere Zah- lungen erhalten. Was wissen Sie darüber?“ „Nun, es gab einige Mitarbeiter, die extra Prämien bekommen sollten, eine Ge- werkschafterin hat das so mit der Ge- schäftsleitung vereinbart.“ „Ich habe hier eine Liste“, sagte der Polizist, „derzufolge handelt es sich um neun Leute, die noch vor Kurzem zur Kündigung angemeldet werden sollten, laut Gewerkschafterin. Wir können jedoch keine Kündigungsschreiben finden.“ „Nun“, Liane stützte sich mit den Ellbogen auf ihrem Schreibtisch ab, „eine Weile sah es so aus, als müssten wir Mitarbeiter abbauen. Die Wirtschaftslage war nicht besonders gut. Mittlerweile hat sich aber alles wieder geändert, die wirt- schaftliche Situation der Firma ist viel bes- ser, wir haben neue Kunden gewonnen. Somit können und wollen wir nicht auf diese Mitarbeiter verzichten. Daher wur- de auch nie eine Kündigung ausgespro- chen. Die Details kennt vermutlich nur unsere Gewerkschafterin, Robinia Huber.“ Also wurde als Nächste Robinia be- fragt, was es mit den Vorgängen auf sich habe. „Sie hatten gestern einen Termin mit dem später Verstorbenen. Vermutlich waren Sie die Letzte, die ihn lebend getroffen hat.“ Die Gewerkschafterin nickte und seufzte. „Das ist natürlich furchtbar. Ich hatte etwas Wichtiges mit dem Chef zu bespre- chen. Es gab Unstimmigkeiten über ge- wisse Dinge, über Kündigungen und Gelder. Ich konnte schließlich in der Ver- handlung mit Roman Knapp tatsächlich erreichen, dass diese neun Mitarbeiter nicht gekündigt werden und sogar eine Sonderzahlung für ihre Leistungen be- kommen. Ich habe ihn dazu gebracht, es als Wiedergutmachung zu sehen für die harte langjährige Arbeit dieser Leute. Im- merhin hatten sie alle jahrelang erfolgreich für das Unternehmen gearbeitet. Es geht dabei um Leute, die in besonderen Situa- tionen stecken. Tibor Becks Haus zum Bei- spiel – das ist einer der Techniker – wurde beim Hochwasser letztes Jahr überflutet, ihm blieb nichts. Mit der Prämie kann er es halbwegs wiederaufbauen. Simone Hal- ler wiederum hat fünf Kinder und ist Al- leinerzieherin, zudem ist ihr Gehalt als Versandmitarbeiterin sehr niedrig. Wir haben endlich Leuten geholfen, statt sie zu feuern.“ „Verstehe. Das muss ein toller Sieg für Sie gewesen sein.“ „Schon, ja.“ Die Gewerkschafterin lächelte ver- halten. „Auf den Videoaufnahmen sehen Sie nicht so aus. Wie haben Sie Knapp zu die- ser Zahlung überredet? Er gilt laut bishe- rigen Aussagen nicht gerade als freigiebig.“ „Die Geschäfte laufen gut, sogar besser als zuletzt. Und wir brauchen die Mitar- beiter. Wir sind auf sie angewiesen, um die Aufträge zu erfüllen und alle Bestellungen zu liefern. Ich habe Knapp klargemacht, dass Prämien helfen werden, die Produkti- on anzukurbeln, ganz einfach. Weil sie die Sorgen dann los sind und produktiver sein können.“ „Und das hat er so geschluckt?“ „Mit meinem Verhandlungsgeschick, ja.“ „Wie hast du ihn nur so weit gebracht, diese Zahlungen zu genehmigen, Robi- nia?“, fragte Simon seine Freundin Ro- binia am selben Abend. Simon arbeitete im selben Betrieb wie sie in der Kunden- abteilung. „Ist das nicht egal? Wichtig ist, dass er es getan hat. Freuen wir uns über unseren Erfolg.“ „So einfach lässt sich Knapp normaler- weise nicht darauf ein, was von seinen Millionen rauszurücken.“ „Normalerweise nicht, aber das war eine besondere Situation.“ „Wie ist das Gespräch verlaufen? Oder muss ich es selbst rausfinden?“ Robinia und er hatten ständig solche Spiele laufen, wer etwas früher rausfände. „Ich hatte ihn fast so weit, er hatte schon zugestimmt, dann hat er einen Rück- zieher gemacht. Aber dass er ausgerechnet mit der Tierschützerin ein Verhältnis hat – das hätte er sich selbst früher überlegen müssen. Ich habe ihm klargemacht, wenn er dieser Christine Firmengeheimnisse ver- rät, braucht er keine Prämien mehr zahlen … dann ist die Firma am Ende. Er wäre vor dem Aufsichtsrat erledigt gewesen, und dort sitzen immerhin seine Söhne und Schwiegertöchter. Ich habe den Knapp mit Christine beim Turteln beobachtet. Mehr- mals. Sie hatten ihr Stelldichein in einem kleinen Häuschen in der Nähe, wo ich jog- ge. Ich habe sie ein wenig belauscht. Nein, nicht absichtlich, natürlich nicht! Wo denkst du hin!“ Robinia lächelte fein. „Nur so zufällig habe ich so einiges mit- gehört, was Knapp seiner jungen Freundin verraten hat. Fast hat es sich angehört, als würde Christine den Alten für irgendwel- che Aktionen zugunsten von Federvieh oder Pelzverwertungstieren rekrutieren. – Na, und das habe ich Knapp dann gesagt. Also ist er auf meine Umverteilungsidee einge- stiegen. Dass sich Knapp aus Angst danach selbst erschossen hat, dafür kann ich nichts. Immerhin hat Rashid jetzt das Geld für die OP seiner Schwiegermutter in Afghanistan und Greta kann ihre Kinder zur Schul- sportwoche anmelden.“ Robinia zuckte lächelnd die Achseln. „Ist doch schön, oder?“ Anni Bürkl ist Journalistin, (Krimi-)Autorin und Lektorin. Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „Göttinnensturz“ und ist Teil einer Krimireihe rund um Teelady Berenike Roither, erschienen im Gmeiner Verlag. www.annibuerkl.at