Arbeit&Wirtschaft 6/201442 Wir sind Europa I m Rahmen der SOZAK 61 durfte ich Glasgow besuchen und dort einen Mo- nat lang die gewerkschaftliche Bil- dungsarbeit begleiten. Ich war im Stow College untergebracht und konnte hier viele Shop Stewards kennenlernen, wie GewerkschafterInnen dort genannt wer- den, und auch einige Betriebe besuchen. Verhandlungen nur auf Betriebsebene Eine schwierige Aufgabe war, die Unter- schiede der Gewerkschaftssysteme zu er- örtern. In Großbritannien ist die gewerk- schaftliche Bildung in das staatliche Bil- dungssystem integriert. Hat man drei vor- geschriebene Kurse absolviert, bekommt man ein Diplom, das einer Studienberech- tigung gleichzusetzen ist. Das wäre auch für Österreich eine interessante Idee. Es ist auch nicht so leicht, die richtige Bedeutung der Begrifflichkeiten zu fin- den. So ist Collective Bargaining nicht mit unseren Kollektivvertragsverhand- lungen gleichzusetzen. Die Lohnver- handlungen finden in Großbritannien nicht für eine ganze Branche oder das ganze Land statt. Vielmehr wird auf Be- triebsebene verhandelt, allerdings auch nur, wenn in besagtem Betrieb mehr als die Hälfte der Beschäftigten Mitglied ei- ner Gewerkschaft sind. Einzig im öffent- lichen Dienst kann die Gewerkschaft lan- desweite Verhandlungen führen. Sehr überrascht waren meine schot- tischen Kollegen von unserem Kündi- gungsrecht. Sie konnten sich nicht vor- stellen, dass es in Österreich keinen so starken Kündigungsschutz gibt wie bei ihnen. In Großbritannien können Ar- beitnehmerInnen, die über ein Jahr be- schäftigt sind, nicht mehr gekündigt werden, außer der Betrieb kann es wirt- schaftlich begründen. Selbst dann kann er aber nicht eine bestimmte Person kündigen, sondern muss Kriterien erar- beiten, z. B. dass alle nach einem be- stimmten Eintrittsdatum beschäftigten MitarbeiterInnen das Unternehmen verlassen müssen. Somit ist es nicht möglich, nur die teuren oder störenden MitarbeiterInnen loszuwerden. Großbritannien ist in vielen Punk- ten gespalten, viele dieser Verwerfungen sind auf Religionen zurückzuführen und sind sehr tief verwurzelt. Das merkt man unter anderem am Geld: Wales, England, Nordirland und Schottland habe jeweils eigene Geldscheine. Das war für mich sehr überraschend. Ein oft genanntes Thema war auch immer wie- der das Referendum 2014, bei dem sich entscheiden wird, ob Schottland ein Teil des Vereinten Königreichs bleibt oder eigenständig wird. Hier ist auch die Arbeiterbewegung gespalten. Die unterschiedlichen Positionen sind vielfältig und reichen von religi- ösen über nationalistische bis hin zu wirtschaftlichen Gründen. Bei den Be- schäftigten der Shipyards am Clyde Ri- ver war die Stimmung für den Verbleib bei Großbritannien sehr stark. Denn hier werden die Kriegsschiffe der Royal Navy gebaut. Die Unabhängigkeit Schottlands wäre eine Gefahr für die Arbeitsplätze, denn die Schiffe werden nur auf britischem Boden gebaut. Im schottischen Parlament durfte ich von einem außergewöhnlichen Projekt erfahren. Die Gewerkschaft hat gemein- sam mit den Arbeitgebern und der Regie- rung ein Projekt geschaffen, dessen Ziel die Bildung der Gewerkschaftsmitglieder im Betrieb ist. Die Arbeitgeber stellen die Räumlichkeiten und einen Teil der Ar- beitszeit zur Verfügung, der Staat bezahlt die LehrerInnen, die Gewerkschaft orga- nisiert die Leute und finanziert mit. Breit gefächerte Lerninhalte Die Lerninhalte sind breit gefächert und reichen vom PC-Grundkurs über Sprach- kurse bis hin zu Schlüsseldienst-Kursen für HausmeisterInnen. Von diesem Projekt profitieren hauptsächlich die Gewerk- schaftsmitglieder, allerdings kann auch der Arbeitgeber besser gebildete Mitarbeite- rInnen gut brauchen. Selbst der Staat hat einen Nutzen aus der Aktion, denn im Falle der Arbeitslosigkeit können besser gebildete Personen leichter wieder eine Be- schäftigung finden. Außergewöhnlich wa- ren auch die Uhrzeiten: Der Kurs findet statt, wenn die Mitglieder Zeit haben. So müssen die LehrerInnen oft bei Schicht- wechsel beginnen, das kann um fünf Uhr in der Früh sein oder um zehn Uhr am Abend. Hier sieht man: Wenn alle ein Ziel verfolgen, dann gibt es kein Hindernis für mehr Bildung. Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor gsg-betriebsrat@stiegl.at oder die Redaktion aw@oegb.at Sozak 61 Christian Illitz war Teilnehmer des 61. SOZAK-Lehrgangs und im Zuge seines SOZAK-Europapraktikums im Jahr 2012 am Stow College in Glasgow. Christian Illitz Jugendsekretär der Gewerkschaft PRO-GE Wien