11Arbeit&Wirtschaft 7/2014 Klenner schließt daraus: Die wirtschaftliche Einflussnahme, die Durchsetzung von Wirtschaftsgesetzen ist heute ebenso Interessenkampf, wie es früher der Kampf um das Wahlrecht, die Anerkennung der Gewerkschaften und die Einrichtung der Betriebsräte und die Erreichung des Achtstundentags waren. ... Der Reallohn ist sicher heute noch nieder, aber die Lebensverhältnisse waren auch in der Ersten Republik für die Arbeiterschaft nicht zufriedenstel- lend. Ja, die Entlohnung der Frauen und der Hilfsarbeiter war weit schlechter als heute. Durch die Stärke des Gewerk- schaftsbundes sind die organisato- Zu Kaisers Zeiten verdienten die allermeisten ArbeitnehmerInnen so wenig, dass sie (fast) keine Steuern zahlten. Das wichtigste wirt- schaftspolitische Thema der ArbeitnehmerIn- nenvertretung war die Preisentwicklung bei Nahrungsmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs, damit Lohnerhöhungen nicht wieder aufgefressen wurden. Steuerpolitik hingegen war kaum Thema. In der Ersten Republik hat- te der Kampf gegen die hohe Arbeitslosigkeit und gegen den Sozialabbau absoluten Vorrang. Vollbeschäftigung, Preisstabilität und Kauf- kraft der ArbeitnehmerInnen sollten dann die wichtigsten wirtschaftspolitischen Ziele des Österreichischen Gewerkschaftsbunds nach 1945 werden. Erstmals wurde jetzt die Vertei- lungswirkung der Lohnsteuer ein wichtiger Kennwert, und die Kritik an einer Steuerpolitik, die von unten nach oben verteilt, blieb in der Zweiten Republik durchgehend ein gewerk- schaftliches Kernthema. Fritz Klenner, Banker und Kommunikationschef des ÖGB, schrieb 1953 in seiner Gewerkschaftsgeschichte: … das Verhältnis zwischen der Entwick- lung der Einkommen- und Körper- schaftsteuer einerseits und der Lohn- steuer andererseits lässt den Schluss zu, dass die Praxis der öffentlichen Finanz- wirtschaft einen immer weniger sozialen Charakter annimmt. Trotz der gegen- über 1950 weitaus verstärkten Arbeits- losigkeit ist das Lohnsteueraufkommen um 88 Prozent gestiegen, während die Beträge aus der Einkommen- und Kör- perschaftsteuer nur um 28 Prozent ge- stiegen sind. Einmischen – Mitmischen Fritz Klenner, ÖGB-Medienchef und Gewerkschaftshistoriker, erklärte 1953, warum Einmischen in die Wirtschaftspolitik Teil des Lohnkampfs sein muss. rischen Voraussetzungen dafür gegeben, durch die Steigerung der Produktivität und durch die Beeinflussung der Politik die Hebung des Lebensstandards der Arbeiter und Angestellten zu erreichen. Ausgewählt und kommentiert von Brigitte Pellar brigitte.pellar@aon.at Historie © Ö GB -A rc hi v, Pl ak at sa m m lu ng . ÖGB-Comic aus den 1950er-Jahren: Pagat jedoch, der widerspricht: / „Merk dir, du Opti-Mister, / die Steuersenkung dankst du nicht / dem Herrn Finanzminister. / „Re- form“, die Kamitz hat gemeint, / hätt’ unsern Lohn vermindert. / Gewerkschafter im Parla- ment / die haben das verhindert.“