17Arbeit&Wirtschaft 7/2014 Schwerpunkt Zugang zu South Stream einräumen und die Transporttarife durch einen unab- hängigen Regulator festsetzen lassen. Ei- ne Ausnahme von diesen Auflagen für South Stream liegt nicht vor, Gazprom hat nicht einmal einen Antrag dafür ge- stellt. Der ukrainische Ministerpräsident Jazenjuk hat Ende August 2014 davor gewarnt, dass Russland im kommen- den Winter die Gasversorgung Europas einstellen würde. Ein Abbruch der Gas- lieferungen Russlands an die EU ist aber sehr unwahrscheinlich. Russland würde damit die Einnahmen der Ver- käufe auf dem lukrativsten Markt von Gazprom verlieren. Aus der Gaswirt- schaft stammen immerhin sieben Pro- zent der budgetären Einnahmen. Zu- dem wäre Gazprom bei Liefer- unterbrechungen zu hohen Pönalezah- lungen an die europäischen Abnehmer verpflichtet. Überdies würde dadurch mittelfristig der Marktanteil Gazproms auf dem europäischen Gasmarkt erheb- lich sinken – weil die EU Erdgas durch andere Energieträger zu substituieren versuchen und neue Gasanbieter su- chen würde. Jazenjuks Äußerungen sind daher eher als Versuch der ukrainischen Re- gierung anzusehen, den bilateralen Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine zu internationalisieren und die Rolle Russlands als Energieversorger der EU zu diskreditieren. Im Juni 2014 hat Russland die Gas- lieferungen an die Ukraine eingestellt. Auslöser des Streits sind Differenzen über den Preis, den Russland von der Ukraine für seine Gaslieferungen for- dert. In den von der EU vermittelten Gesprächen hatte Russland zuletzt ei- nen Gaspreis auf Rabattbasis von 386 USD/1.000 m3 angeboten. Die Ukrai- ne beharrte aber auf einem Fixpreis von maximal 326 USD/1.000 m3. Ausge- hend von der Uneinigkeit über den zu- mutbaren Preis bestehen auch eklatante Differenzen über die ausstehenden Schulden der Ukraine für bereits er- folgte Gaslieferungen. Symmetrische Abhängigkeit Bislang konnte die Ukraine ihren Gas- bedarf seit Juni durch die eigene Produk- tion und den Rückgriff auf Gas in den großen Lagerstätten in der westlichen Ukraine decken. Dies wird in den Win- termonaten aber nicht ausreichen, um alle Privathaushalte und die Industrie zu versorgen. Die Ukraine versucht zwar, die ausbleibenden Gaslieferungen durch den Import von Erdgas über Polen, Un- garn und die Slowakei partiell auszuglei- chen. Diese Mengen sind aber zu gering, um den ausbleibenden Import von rus- sischem Gas zu substituieren. Eine Ei- nigung mit Russland über Gaspreis und Schulden ist daher unabdingbar, um ei- ne Versorgungskrise zu vermeiden. Russland warnt daher die Europäi- sche Union davor, dass die Ukraine im Winter Gas aus den Transitleitungen entnehmen könnte. Selbst wenn Russ- land seinen Lieferverpflichtungen nachkommt, würden dann weniger als die vertraglich vereinbarten Mengen in der EU zur Verfügung stehen. Ange- sichts der gut gefüllten Gasspeicher und die vorhandenen Leitungs-Inter- konnektoren könnte eine solche Versor- gungskrise aber für einige Zeit abge- wehrt werden. Innerhalb der EU zeichnet sich eine Verringerung der Abhängigkeit von Russland im Gassektor ab. Die beiden Hauptstoßrichtungen sind dabei die Nutzung von Schiefergasvorräten in der EU (trotz aller ökologischen Be- denken) und der Import von flüssigem Schiefergas aus den USA. Nach opti- mistischsten Schätzungen könnten in vier bis sechs Jahren bis zu 40 Milliar- den m3 Erdgas aus den USA importiert werden. Offen ist, ob US-Produzenten exportberechtigtes Flüssiggas (LNG) nicht lieber auf asiatischen Märkten ab- setzen werden, wo die Preise für LNG deutlich höher sind als in der EU. Im Hinblick auf Diversifizierungs- bemühungen gilt es zu bedenken, dass die Gasbeziehungen zwischen Russland und der EU eine symmetrische Abhän- gigkeit darstellen. Die EU ist von Russ- land als einem wichtigen Versorger ab- hängig, Russland von einem lukrativen Absatzmarkt in der EU, zu dem derzeit alle Gasexportleitungen führen und wo die höchsten Gaspreise zu erzielen sind. Es wäre daher trotz der belasteten Be- ziehungen zwischen Russland und der Europäischen Union ratsam, an dieser Interdependenz festzuhalten. Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor gerhard.mangott@uibk.ac.at oder die Redaktion aw@oegb.at Jamal-Leitung, Blue Stream, Nord Stream: So hei- ßen die neuen Gas-Pipelines, die Russland baute, um die Ukraine umgehen zu können. Diese hatte nämlich bis 1999 das Monopol auf den Transit russischer Erdgasexporte. © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm