19Arbeit&Wirtschaft 7/2014 Schwerpunkt ten Stoffe zu beurteilen. Dabei waren selbst sie auf die freiwillige Auskunft der Hersteller angewiesen. Giftiges Gas Fracking-BefürworterInnen halten Um- weltschützerInnen entgegen, dass Gas klimafreundlicher sei als Kohle, da es beim Verbrennen pro Energieeinheit we- niger CO2 freisetze. In einer Studie stell- ten Wissenschafter 2011 jedoch fest, dass der CO2-Fußabdruck von Schiefergas in einem Beobachtungszeitraum von 20 Jahren doppelt so groß ist wie jener von Kohle.2 Somit würde die Nutzung und Förderung von Schiefergas den Klima- wandel beschleunigen. Auch das aus dem Bohrloch austre- tende Methangas gibt Umweltschütze- rInnen Grund zur Sorge. Immerhin ist dieses Gas 21-mal klimaschädlicher als CO2. Beim Abbau wie bei der Förderung von Schiefergas tritt Methan ungehin- dert aus. Selbst wenn die Bohrlöcher längst aufgegeben sind, kann Methan aus ihnen entweichen. KritikerInnen sind sich darüber einig, dass zu wenige Erkenntnisse über mög- liche Umwelt- und Gesundheitsgefahren der Fracking-Methode vorliegen. Die Wissenschafter Michelle Bamberger und Robert E. Oswald der Veterinärmedizi- nischen Universität am Cornell College untersuchten in einem Bericht die nega- tiven Auswirkungen von Fracking auf Menschen und Tiere.3 Solange nur unzu- reichende Informationen und Daten da- rüber vorliegen und keine fundierten Stu- dien dazu durchgeführt werden können, so Bamberger und Oswald, sei der Fra- cking-Boom ein „gigantisches unkontrol- liertes Gesundheitsexperiment“. Kuwait auf der Prärie Fracking wurde erstmals in den USA Mit- te der 1940er-Jahre angewendet, richtig genutzt wird das Verfahren erst seit 2005. So stieg die Produktion in den US-Bun- desstaaten Montana und North Dakota in den Jahren 2006 bis 2012 von 0 auf 500.000 Barrel täglich an. North Dako- ta hat nun als Gaslieferant sogar Alaska überholt und wird liebevoll „Kuwait auf der Prärie“ genannt. In manchen Ländern ist Fracking sogar gesetzlich verboten, wie zum Beispiel in Frankreich, Südafrika oder im US-Bundesstaat New York. Österreich hat sich klar gegen die Zulassung von Fracking ausgesprochen, Probebohrungen in Poysdorf und Herrnbaumgarten im Bezirk Mistelbach wurden nach Bürgerprotesten verboten. Die Montanuni Leoben und die OMV starteten ein Pilotprojekt namens „Cle- an Fracking“, in dem sie versuchten, die bei Fracking verwendeten Giftstoffe durch Maisstärke zu ersetzen. Das Pro- jekt wurde jedoch wegen Unwirtschaft- lichkeit nicht mehr weitergeführt. Während Österreich sich also gegen das Fracking-Verfahren sperrt, herrscht in Williston, North Dakota, Aufbruch- stimmung. Das gigantische Ölvorkom- men unter der Bezeichnung „Bakken and Three Forks Formation“ lockte im Jahr 2008 mehrere Energiekonzerne in die Region, die wiederum nach Arbeits- kräften suchten und mit sechsstelligen Jahresgehältern winkten. Wer also schnell viel Geld verdienen wollte, zog in das verschlafene Städtchen Williston. In nur drei Jahren wuchs die Stadtbevöl- kerung um 41 Prozent, die Arbeitslosig- keit beträgt heute 2,7 Prozent, über 20.000 Arbeitsstellen sind noch offen. Am Fracking-Boom wollen alle mitna- schen: Gemeinsam mit der Stadtbevöl- kerung sind auch die Preise gestiegen. Für eine Zweizimmerwohnung in Willi- ston zahlte man vor einigen Jahren noch 400 Dollar, heute verlangen Makle- rInnen 2.000 Dollar. Warnung vor der Fracking-Blase Die Menschen, die nach Williston zie- hen, sind auf der Suche nach schnellem Glück und Geld. ExpertInnen geben je- doch zu bedenken, dass der Fracking- Boom in den USA sich letztendlich zu einer Blase entwickeln könnte. Kurzfris- tig würden zwar für KonsumentInnen die Energiepreise fallen und die Gewin- ne der Ölkonzerne steigen. Sollte jedoch die Blase platzen, käme es zu Versor- gungsengpässen und die Preise würden in die Höhe schießen – mit fatalen Fol- gen für die Weltwirtschaft. Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin maja.nizamov@gmx.net oder die Redaktion aw@oegb.at © p ic tu re de sk .c om _b ill _c un ni ng ha m In solchen Tanks wird Wasser gelagert, das für die umstrittene Methode „Fracking“ verwendet wird. Sie stehen im US-Bundesstaat Arkansas. 2 „Methane and the Greenhouse-Gas Footprint of Natural Gas from Shale Formations“: tinyurl.com/43fdnae 3 Michelle Bamberger, Robert E. Oswald „Impact of Gas Drilling on Human and Animal Health“: tinyurl.com/ag4kzur