22 Arbeit&Wirtschaft 7/2014Schwerpunkt Energieutopie Von selbststeuernden Autos, echten Fahrzeugen, warmen Räume ohne Heiz- oder Kühlsysteme, Plusenergiehäusern und der dritten industrielle Revolution. V or etwas mehr als dreißig Jahren war es eine Sensation, als ein Rechtsanwalt während einer Zug- fahrt nach Graz aus seinem Koffer ein mehr als ein Kilo wiegendes Mobilte- lefon auspackte und mit seinem Büro telefonierte. Heute begleiten uns fast ständig Geräte mit einem um den Faktor zehn reduzierten Gewicht, für die die Bezeichnung Smartphones unzurei- chend scheint, weil deren Telefonfunk- tion eher nebensächlich geworden ist. Den ganzen Tag können wir uns mit FreundInnen weltweit austauschen. Fast jederzeit und überall stehen uns Infor- mationen zur Verfügung. Praktisch an keinem Ort der Erde bleiben wir orien- tierungslos. Riskantes Unterfangen Angesichts dieser aktuellen technologi- schen Revolution erscheint es riskant, sich den Alltag in mehr als dreißig Jahren vor- zustellen. Für einen prägenden Bereich unseres Lebens, nämlich den Umgang mit Energie, sind die Konturen dieser Zu- kunft aber immer deutlicher zu sehen. Diese Zukunft in 2050 lässt den aktuellen Zustand unseres Energiesystems von 2014 genauso unzureichend erscheinen, wie wir heute Mobiltelefone der frühen 1980er-Jahre empfinden. Überraschen- derweise ist die sichtbare Praxis beim Um- gang mit Energie aber, dass Lieferanten von Energie im Blick auf die Vergangen- heit eine erwünschte Zukunft sehen. Ge- rade im Energiebereich werden Verant- wortungen auch in der Politik gerne ab- gewälzt, beispielsweise auf die EU oder gar Russland. Deshalb hier eine Einla- dung, der Energiezukunft mit einem Blick nach vorne entgegenzusehen. Aus der Sicht des Jahres 2050 wird das derzeitige Mobilitätssystem unverständ- lich sein. Vier von fünf Energieeinheiten gehen in den Verbrennungsmotoren durch Abfallwärme verloren. Ein privat genutztes Auto mit 12.000 gefahrenen Jahreskilometern ist nur zu zwei Prozent der 8.760 Jahresstunden in Bewegung. Somit sollte man vielleicht besser von Stehzeugen oder bewegten Öfen reden. Mit hoher Sicherheit wird die Zu- kunft der Mobilität vollelektrisch sein. Die Rennfahrzeuge der Formel E loten mit Leichtbauweise und vollelektri- schem Antrieb die technischen Potenzi- ale aus. Unterstützt wird diese tech- nische Entwicklung durch eine neue Generation von elektrischen Speichern, die ähnliche Qualitätsverbesserungen und Kostenreduktionen wie die Photo- voltaik erwarten lassen. Der nächste Technologiesprung wird in den nächsten zehn Jahren bei der Selbststeuerung der Straßenfahr- zeuge sichtbar werden. Was schon jetzt die Roboterrasenmäher gut demons- trieren, die man inzwischen sogar bei Lebensmitteldiskontern gelegentlich kaufen kann, hat Google mit seiner Testflotte an selbststeuernden Autos über Hunderttausende von Kilometern überzeugend bewiesen: nämlich die Fähigkeit, Straßenfahrzeuge wirklich „auto“ im Sinne von „selbstständig“ mobil zu machen. Damit ist die abseh- bare Evolution des jetzigen Verkehrs zu Mobilität noch nicht ausreichend be- schrieben. Schon jetzt werden Ge- schäftsmodelle sichtbar, die Autos nicht mehr verkaufen, sondern nur deren Dienstleistungen, nämlich den Trans- port von A nach B, anbieten. Damit werden aus den Stehzeugen wieder Fahrzeuge im eigentlichen Sinn. Mit diesen schon jetzt gut abschätz- baren Technologiesprüngen sollten bis 2050 alle nur vorstellbaren Mobilitäts- dienstleistungen für Personen und Güter leicht mit einem Zehntel des derzeitigen Energieaufwandes bewältigbar sein. 2226-Haus Ein prominentes Architekturbüro in Vorarlberg hat sich mit einem sechsstö- ckigen Bürogebäude eine Orientierung für die Zukunft des Bauens gesetzt. Das sogenannte 2226-Haus schafft ohne ein Heiz- oder Kühlsystem durchgehend über das Jahr eine behagliche Raumtem- peratur zwischen 22 und 26 Grad Cel- sius. Den Temperaturausgleich schaffen Stefan Schleicher Professor am Wegener Center an der Universität Graz und Konsulent am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung B U C H T I P P Jeremy Rifkin: Die dritte industrielle Revolution Campus Verlag, 2011 304 Seiten, € 25,70 ISBN: 978-3-593-39452-7 Bestellung: www.besserewelt.at