27Arbeit&Wirtschaft 7/2014 Schwerpunkt CEO Wolfgang Anzengruber Grund genug zu sein, um eine öffentliche Ver- antwortung seines Unternehmens in Abrede zu stellen: „Es ist nicht unsere Aufgabe, die Versorgungssicherheit in ganz Österreich zu garantieren. Der Verbund wird betriebswirtschaftlich geführt und ist keine Non-Profit-Or- ganisation“ („Wirtschaftsblatt“ vom 12. August 2014). Dies ist eine bemer- kenswerte Aussage für ein Unterneh- men, das zu 51 Prozent im Eigentum der Republik steht und gleichzeitig das österreichische Übertragungsnetz sein Eigen nennt. Energiewende wohin? Die Rücksichtnahme der öffentlichen Stromversorger auf das gesamtgesell- schaftliche Interesse wird nicht allein durch das unternehmerische Selbstver- ständnis von Vorständen untergraben. Auch wenn der Ökostrom-Anteil in Ös- terreich verhältnismäßig klein ist, än- dern sich durch seinen forcierten Aus- bau die Strukturen in der Stromerzeu- gung. Die großen öffentlichen Unternehmen verlieren Stromer zeugungs-Anteile an eine Vielzahl neuer ÖkostromproduzentInnen. Befürworte- rInnen dieser Entwicklung sprechen hier gerne von einer „Energiewende von un- ten“ oder einem „Siegeszug der Bürge- renergie“. Dabei gehen sie davon aus, dass durch die dezentralen Erzeugungs- strukturen eine ebenso dezentrale Eigen- tümerInnenstruktur entsteht. Geprägt ist die EigentümerInnenstruktur dem- nach von einer Vielzahl an Privatperso- nen und -initiativen. Stimmt dieses Bild tatsächlich? Eins gleich vorweg: Belastbares Zahlenmate- rial dazu gibt es in Österreich nicht. Bei der Photovoltaik sagt der Hausverstand, dass es in erster Linie BesitzerInnen von Einfamilienhäusern, die Landwirtschaft und Gewerbebetriebe sind, die am Aus- bau-Boom teilnehmen. Und auch jene Menschen, die sich an einer Bürge- rInnen-Solaranlage beteiligen. Bei Bio- gas- und Biomasseanlagen sowie Klein- wasserkraftwerken liegt der Verdacht nahe, dass primär land- und forstwirt- schaftliche Betriebe die Anlagen betrei- ben. Einzig bei der Windkraft liegen Daten zur EigentümerInnen-Struktur vor. Laut IG Wind – der Interessenge- meinschaft der Windkraftbetreiber – finden sich lediglich die Energie Bur- genland, die EVN und der Verbund als öffentliche Stromversorger unter den zehn größten Anlagenbetreibern. Diese drei Stromversorger verfügen über knapp 37 Prozent der gesamten Wind- kraftleistung in Österreich. Die sieben übrigen großen Betreiber sind private Windkraftunternehmen. Sie verfügen über rund 53 Prozent der installierten Windkraftleistung in Österreich. Im Gegensatz zu Österreich liegen aus Deutschland Zahlen zur Eigentü- merInnenstruktur von Ökostrom-Anla- gen vor. Laut Analyse von Trendresearch – einem deutschen Marktforschungs- unternehmen – standen im Jahr 2012 rund 35 Prozent der Ökostrom-Anla- gen im Besitz von Privatpersonen (ge- messen an der gesamten installierten Leistung). Das Gewerbe hatte einen Anteil von rund 14 Prozent, Landwirte 11 Prozent, Fonds/Banken knapp 13 Prozent. Die absolute Überraschung bei diesen Zahlen: Energieversorgungsun- ternehmen haben laut Trendresearch- Auswertung nur einen Anteil von knapp 12 Prozent. Interessant ist, dass bei den Anlagen, die im Jahr 2012 neu gebaut wurden, der Anteil der Privatpersonen auf 17 Prozent schrumpft. Der Anteil des Gewerbes bei den Neuanlagen steigt hingegen deutlich, nämlich auf knapp ein Drittel. Und auch Fonds/Banken mischen bei Neuanlagen mit 16 Pro- zent stärker mit. Aufgrund der (privaten) Eigentü- merInnenstruktur bei Ökostrom-Anla- gen muss davon ausgegangen werden, dass primär erwerbswirtschaftliche In- teressen – also Renditeerwartungen – die Unternehmensstrategien prägen. Diese These bestätigte denn auch Andreas Dangl, Chef eines der größten privaten Windkraftunternehmen in Österreich (WEB). Im Wirtschaftsma- gazin „Trend“ (März 2013) erklärte er: „Es ist eine angenehme Art, Geld zu verdienen. Immerhin sind unsere Um- sätze staatlich garantiert.“ Internet: Studie: Barbara Hauenschild, Susanne Halmer: Rekommunalisierung öffentlicher Dienstleis- tungen in der EU, ÖGPP, Wien; März 2014 tinyurl.com/lyzubh8 Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor dominik.pezenka@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at Mehr als die Hälfte der in Österreich installierten Windkraftleistung ist in privatem Besitz. © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm