34 Arbeit&Wirtschaft 7/2014Schwerpunkt Essen oder heizen? Energiearmut lässt sich durch Spendenaktionen teilweise mindern. Um sie wirklich zu verhindern, sind gezielte Maßnahmen von Politik und Energieversorgern nötig. F rau M., Verkäuferin und alleiner- ziehend, kämpft seit ihrer Schei- dung um die Existenz: „Seit drei Jahren habe ich keine Energie zur Verfügung. Die Zähler sind seit Langem abmontiert. Meine zwei Söhne und ich behelfen uns mit Kerzen und Gaskocher. Wir können uns zu Hause nicht waschen, weil wir kein Warmwasser haben. Zum Heizen verwende ich einen Holzofen.“1 Mehr als eine Viertelmillion Men- schen in Österreich können es sich nicht leisten, ihre Wohnung angemes- sen warm zu halten. Viele müssen sich auch bei Warmwasser, Strom und Gas extrem einschränken. „Energiearmut bedeutet die Schwierigkeit oder Un- möglichkeit, seine Wohnstätte ange- messen und zu einem korrekten Preis zu heizen sowie über weitere grundlegende Energiedienstleistungen wie Beleuch- tung, Verkehr oder Strom für Internet und sonstige Geräte zu einem angemes- senen Preis zu verfügen“: So lautet eine der – nicht besonders exakten – EU- Definitionen. Eine allgemein anerkann- te Definition gibt es bislang nicht, ent- sprechend wenige zuverlässige und aktuelle Zahlen gibt es dazu. Der Euro- päische Wirtschafts- und Sozialausschuss empfahl daher im Herbst 2013 unter anderem die Aufstellung europäischer Indikatoren und die Harmonisierung der Statistiken2. Vielfach spricht man von Energiearmut, wenn ein Haushalt mehr als zehn Prozent seines Einkom- mens für Energie und angemessenes Heizen aufwenden muss. Laut Statistik Austria haben die ein- kommensschwächsten Haushalte im Jahr 2009 durchschnittlich 8,3 Prozent ihres Einkommens für Haushaltsener- gie aufgewendet, 2004 waren es noch 5,6 Prozent. Obwohl die Energiepreise in den vergangenen 40 Jahren deutlich geringer angestiegen sind als das BIP, zeigt die aktuelle Entwicklung, dass die Endverbraucherpreise von 2000 bis 2011 bei Gas und Steinkohle um über 60 und bei Heizöl um 103 Prozent ge- stiegen sind. Strom und Fernwärme ha- ben sich parallel zum Verbraucherpreis- index entwickelt. Mängel bei der Energieeffizienz Steigende Haushaltskosten bei gleich- bleibend niedrigem Einkommen, Ein- kommensausfälle, Arbeitslosigkeit, psy- chosoziale Probleme, chronische Krank- heiten: Es gibt viele Gründe, warum Menschen ihre Energiekosten plötzlich über den Kopf wachsen. Oft treiben nicht oder ungenügend sanierte Woh- nungen die Heizkosten in die Höhe. Aber Energieeffizienzmängel sind nur zum Teil die Ursache für Energiearmut. Wer ein sehr geringes Einkommen hat, ist oft arbeitslos, in Pension oder krank und daher den größten Teil des Tages zu Hause. Dadurch können die Energie- kosten im Vergleich zur restlichen Bevöl- kerung deutlich ansteigen. Rückstände, Mahngebühren, Ener- gieabschaltung etc. bedeuten Stress und können für schlaflose Nächte sorgen. Aber Energiearmut hat noch weitere ne- gative Auswirkungen: Durch nicht aus- reichend beheizte Räume kommt es häufiger zu Erkrankungen, ja sogar zu Todesfällen. Chronische Krankheiten wie Asthma können sich – nicht zuletzt durch in ungenügend geheizten Räu- men häufig auftretende Schimmelbil- dung – verschlimmern. Knapp ein Vier- tel der von Energiearmut Betroffenen sind Minderjährige. Sofortmaßnahmen helfen Vor Kurzem präsentierte der Klima- und Energiefonds (KLI.EN) die Ergebnisse sei- nes österreichweiten Pilotprojekts gegen Energiearmut. Das Österreichische Insti- tut für Nachhaltige Entwicklung hat ge- meinsam mit Caritas, der Österreichischen Energieagentur sowie dem Institut für So- ziologie und empirische Sozialforschung an der WU Wien eine fundierte Analyse zu den Lebens- und Belastungssituationen betroffener Haushalte erstellt. In Koope- Astrid Fadler Freie Journalistin B U C H T I P P Katholische Sozialakademie Österreichs: Gegen Kälte. Energie- armut in Österreich Dossier 09/2012 Wien 2012 36 Seiten, € 5,00 zuzügl. Porto Bestellung: www.besserewelt.at Dossier 09/2012 Gegen Kälte Energiearmut in Österreich Betroffenenperspektive Mit Energiearmut leben Europäischer Vergleich Verteilungsfrage Handlungsempfehlungen Nachrichten und Stellungnahmen der Katholischen Sozialakademie Österreichs Euro 5,00 Energiegrundsicherung Energieberatung Energiewende gestalten Energiearmut thematisieren >> Katholische Sozialakademie Österreichs 3598_12_dossier_09_umschlag:0 04.12.12 13:30 Seite 2 1 Wr. Stadtwerke Holding AG: Materialien der Wr. Stadtwerke zur nachhaltigen Entwicklung Nr. 8 – Herausforderung Energiearmut und der Beitrag der Wiener Stadtwerke, Wien 2013. 2 Stellungnahme des EWSA: Für ein koordiniertes europäisches Vorgehen zur Prävention und Bekämpfung von Energiearmut, Brüssel 2013.