35Arbeit&Wirtschaft 7/2014 Schwerpunkt ration mit den Caritas-Initiativen „Grät- zeleltern“, „Stromspar-Check“ und „VERBUND-Stromhilfefonds“ wurden 400 einkommensschwache Haushalte per- sönlich befragt. Über ein Drittel der Be- fragten wohnen in Wohnungen mit un- dichten Fenstern, bei fast 50 Prozent war die Eingangstür undicht. In den Haushal- ten gab es durchschnittlich elf Leuchtmit- tel, das ist rund ein Viertel der landesüb- lichen Menge (Österreich-Durchschnitt 40,9 Leuchtmittel/Haushalt). Die Hälfte der Befragten klagte über kalte Wände und Böden, 42 Prozent können weniger Räu- me heizen, als sie möchten. 83 Prozent macht die Bezahlung der Energierechnung Sorgen, 13 Prozent waren in den vergan- genen zwei Jahren von Energieabschaltun- gen betroffen. Fast die Hälfte der im Pro- jekt befragten Haushalte geben mehr als zehn Prozent ihres Einkommens für Ener- gie aus. In den befragten Haushalten wur- den anschließend Energiesparmaßnah- men durchgeführt und evaluiert. „Nach der Auswertung der Ergebnis- se und nach intensiven Gesprächen mit den Stakeholdern haben wir jetzt Emp- fehlungen für Maßnahmen zur Verrin- gerung von Energiearmut ausgearbei- tet“, berichtet ÖIN-Projektleiterin Dr. Anja Christanell. Empfohlene Maßnahmen » Entwicklung und Finanzierung einer nationalen Strategie gegen Energiearmut unter der Federführung eines relevanten Ministeriums. » Niederschwellige und kostenlose Vor- Ort-Beratung kombiniert mit Sofort- maßnahmen. » Verbot von Energieabschaltungen im Winter in Kombination mit Maßnah- men zur Abschaltprävention. » Möglichkeit der Beantragung auf Be- freiung von verbrauchsunabhängigen Kostenbestandteilen von Strom, Gas und Fernwärme sowie von Energiesteuern für alle energiearmutsbetroffenen Haushalte. » Einrichtung eines Energieunterstüt- zungsfonds ähnlich dem VERBUND- Stromhilfefonds der Caritas. » Steigerung der Sanierungsquote von Gebäuden und Priorisierung thermischer Sanierungsmaßnahmen unter Berück- sichtigung von Energiearmut (Konzen- tration auf Wohngebiete, in denen sich ein hoher energetischer Sanierungsbe- darf mit einer einkommensschwachen BewohnerInnenstruktur überlappt). Nachhaltige Maßnahme „Die thermische Sanierung von Gebäu- den ist neben einfacheren Dingen wie dem Wechsel zu energiesparenden Gerä- ten die nachhaltigste Energieeffizienz- maßnahme“, so AK-Energieexperte Do- minik Pezenka. „Es werden nicht nur Energieverbrauch und Emissionen redu- ziert, sondern auch das Raumklima ver- bessert sich – Stichwort Schimmel. Die thermische Sanierung hat außerdem po- sitive Beschäftigungseffekte. Die derzei- tigen Heizkostenzuschüsse sind Symp- tombekämpfung und machen Betroffene zu Bittstellern.“ Mit 1. Jänner 2015 tritt das neue Energieeffizienzgesetz in Kraft, durch das der Energieverbrauch in Österreich nachhaltig reduziert bzw. ab 2020 stabi- lisiert werden soll. Die dafür nötigen Einsparungen sollen auch den Konsu- mentInnen zugutekommen, denn Energielieferanten müssen 40 Prozent ihrer vom Gesetz vorgesehenen Ener- gieeffizienzmaßnahmen so setzen, dass die Haushalte davon profitieren und nicht nur zur Kasse gebeten werden. Zur gezielten Verringerung von Ener- giearmut werden Maßnahmen bei Ein- kommensschwachen höher bewertet. Eine weitere Neuerung für große Ener- gieanbieter ist die verpflichtende Ein- richtung einer Beratungsstelle zu den Themen „Stromkennzeichnung, Liefe- rantenwechsel, Energieeffizienz, Strom- kosten und Energiearmut“. Die Wiener Stadtwerke haben als Erste und bisher Einzige in Österreich bereits Anfang 2011 die Wien Energie Ombudsstelle für soziale Härtefälle eingerichtet. Sie betreut in Kooperation mit anderen (so- zialen) Einrichtungen rund 4.000 Be- troffene pro Jahr. Auch für Frau M. wurde ein Lösungsmodell ausgearbeitet, mit dem die Energieversorgung verbes- sert und die Gehaltspfändung vermie- den werden konnte. Internet: www.energiearmut.com Pilotprojekt gegen Energiearmut: www.oin.at/?page_id=855 Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin afadler@aon.at oder die Redaktion aw@oegb.at Mehr als eine Viertelmillion Menschen in Öster- reich können es sich nicht leisten, ihre Wohnung angemessen warm zu halten. © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm