Arbeit&Wirtschaft 9/201418 Schwerpunkt N och immer ist es für Frauen wahr- scheinlicher, vom Blitz getroffen zu werden, als eine Führungspo- sition einzunehmen“, schrieb Antje Mohr 2011 in ihrer Dissertation über Hemmnisse von deutschen Frauen auf dem Weg in den Betriebsrat. Dieses pessimistische Szenario kann so nicht auf Österreich übertragen werden. Zwischen 2003 und 2013 hat sich der Anteil weib- licher Betriebsratsvorsitzender laut ÖGB um 4,3 Prozent auf 23,16 Prozent erhöht, jener der aktiven Betriebsrätinnen auf 31,86 Prozent – ein Plus von über fünf Prozent. Dennoch: In vielen Betriebsrats- gremien sind Frauen nicht entsprechend ihres Anteils innerhalb der Belegschaft vertreten. Auch nicht, wenn sie die Mehr- heit der Gesamtbelegschaft stellen. Yes, I can Frauen für gewerkschaftspolitische Funk- tionen zu motivieren ist ungleich schwie- riger als bei Männern. Warum sind Frau- en zögerlich, wenn es um die Mitbestim- mung im Betrieb und in der Gewerkschaft geht? 2011 haben die ÖGB-Frauen in Oberösterreich eine Befragung unter weiblichen Mitgliedern durchgeführt, um herauszufinden, unter welchen Umstän- den sich Frauen verstärkt in Gewerkschaf- ten engagieren oder eine Funktion über- nehmen würden. „90 Prozent der Frauen haben geantwortet, dass sie zunächst zahl- reiche Schulung absolvieren müssten, be- vor sie sich eine Funktion zutrauen“, er- innert sich Bettina Stadlbauer, Frauen- sekretärin des ÖGB Oberösterreich. „Diesen Blödsinn wollten wir ihnen schleunigst ausreden und etwas entgegen- setzen.“ So ist das Projekt „Yes, I can“ entstanden, in dem Betriebsrätinnen drei Tage lang mit Selbstbewusstsein geimpft werden. „Frauen schreien nicht ‚hier‘, sondern wägen zunächst ihre Lebensum- stände ab. Sie fragen sich: Kann ich das? Passt mir das? Während sie das überlegen, haben Männer längst Ja gesagt.“ Empo- werment für Betriebsrätinnen ist die De- vise dieses Projekts, das nun auch auf an- dere Bundesländer ausgeweitet werden soll. Die Doppelbelastung durch Beruf und private Betreuungsverpflichtungen behindern nach wie vor das Engagement von Frauen, wie die Ergebnisse der deut- schen Studie hervorbringen. Viele Orga- nisationskulturen im Betriebsrat und in den Gewerkschaften sind trotz des Rufes nach mehr Frauenbeteiligung traditionell männlich. Besonders deutlich wird das bei der Lohnpolitik – dem „core business“ von Gewerkschaften. Seit Jahrzehnten versuchen Gewerk- schaften, die Lohnschere zwischen Frau- en und Männern zu schließen. Auch wenn die Hauptverantwortung dafür in den Betrieben liegt, haben Sozialpartner mit den Kollektivverträgen ein wichtiges Instrument für mehr Einkommensge- rechtigkeit in der Hand. Lohnpolitik ohne Frauen Frauen haben in der Gestaltung der Lohnpolitik verhältnismäßig wenig mit- zureden. „Je größer die Branche und je kleiner die Komitees, desto geringer ist der Frauenanteil bei den Lohnverhand- lungen“, so Peter Schleinbach, Bundes- sekretär für Kollektivvertragspolitik in der PRO-GE. Die spezifischen Interessen von Frauen werden zwar über die Frau- enabteilungen im Forderungsprogramm berücksichtigt, oft ist bei Verhandlungen aber zu wenig Spielraum, um diese For- derungen tatsächlich umzusetzen. Braucht es also eine höhere Beteiligung von Frauen in den Verhandlungsteams? „Mit einem höheren Frauenanteil bei Lohn- und Gehaltsverhandlungen wären die Themen bestimmt andere“, sind Bet- tina Stadlbauer und die ÖGB-Bundes- frauenvorsitzende Renate Anderl über- zeugt. Etwa hätte die Vereinbarkeit von Beruf und Familie einen höheren Stellen- wert, ebenso die Umsetzung der Einkom- mensberichte in den Betrieben oder die Anrechnung von Karenzzeiten. Frauen würden verstärkt auf die Anhebung nied- rigerer Lohngruppen setzen und nicht bis drei Uhr morgens verhandeln. Eine Um- setzung dieses Gedankenexperiments ist Das Kamel und das Nadelöhr Die Mitbestimmung von Frauen im Betriebsrat und in den Gewerkschaften ist längst nicht mehr nur eine Frage der Ideologie, sondern der Überlebensstrategie. Irene Steindl Freie Journalistin B U C H T I P P Sabine Blaschke: Frauen in Gewerkschaften Zur Situation in Österreich und Deutschland aus organisationssoziologischer Perspektive Hampp Verlag, 2008, 380 Seiten, € 34,80 ISBN: 978-3-8661-8220-2 Bestellung: ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, Rathausstr. 21, Tel.: 01/405 49 98-132 fachbuchhandlung@oegbverlag.at