Arbeit&Wirtschaft 9/201420 Schwerpunkt Mrs. Fit and Meister Proper Der Aufsichtsrat soll qualifizierter, jünger, weiblicher und internationaler werden. Wie wird die ArbeitnehmerInnenvertretung diesem Anforderungsprofil gerecht? D ie Hundehütte ist für den Hund, der Aufsichtsrat für die Katz“, so wurde früher über die Unterneh- mensaufsicht gescherzt. Doch spätestens die Finanzkrise hat gezeigt, dass streichelweiche AufsichtsrätInnen, die einen Tagesordnungspunkt nach dem anderen abnicken, passé sind. Die EU- Kommission forciert schon seit Län- gerem eine zunehmende Professionali- sierung der Aufsichtsratsarbeit, unter anderem im Rahmen des „Corporate- Governance-Aktionsplans“. Speziell im Finanzsektor sieht sich das Kontroll- organ mittlerweile mit deutlich erhöhten Anforderungen konfrontiert. Nur in der Theorie In Österreich wurden die Vorgaben zwar umgesetzt, in der Unternehmenspraxis sind sie offenbar noch nicht angekom- men. Wie war das noch gleich bei der ÖIAG, der OMV, dem Burgtheater oder der Telekom Austria? Professionelles Strategie- und Krisenmanagement sieht anders aus. Dafür braucht es zweifellos eine neue Generation von Aufsichts- rätInnen, die sich qualifiziert, verant- wortungsvoll und mutig der Unterneh- menskontrolle stellt. Engagierte Kräfte, die, losgelöst von Netzwerk-(Fall-) Stricken, der Politik und/oder des Vor- stands, kritisch überwachen und strate- gisch beraten. Die BetriebsrätInnen im Gremium spielen dabei schon jetzt eine große Rolle, trägt doch die Drittel - parität maßgeblich zur unabhängigen und kritischen Aufsichtsratsarbeit bei. Mit Ausdauer und Sensibilität in den eigenen Reihen könnte es der Arbeit- nehmerInnenvertretung sogar gelingen, die treibende Kraft für einen jünge- ren, weiblicheren und internationaleren Aufsichtsrat zu werden. Thank you for being a friend „Der Aufsichtsrat ist ein Kollegialorgan. Er braucht Diversität: vom Gesell- schaftsrechtler über den Marktexperten bis zu einem Human-Resources-Ver- treter“, sagt der Mehrfachaufsichtsrat Wolfgang Ruttenstorfer. Gesagt, getan? Leider nein. Wie eine aktuelle öster- reichische Aufsichtsratsstudie zeigt, wird bei der Neubesetzung von Aufsichtsrats- positionen nur in etwas mehr als einem Drittel der Unternehmen auf die Fach- disziplin geachtet. Zu 91 Prozent erfolgt die Besetzung aus dem Eigentümernetzwerk. Unab- hängigkeit, Expertise oder Nachwuchs- planung spielen bei der Auswahl der KandidatInnen eine untergeordnete Rolle. Was zählt, ist ein bekanntes Ge- sicht und Freude am Networking. Das fröhliche Netzwerk-Recruiting kann zu einseitiger Interessenwahrneh- mung sowie mangelnder Kontrolle im Aufsichtsrat führen. Dabei sind Unter- schiede im Selbstverständnis zwischen Vertretern der EigentümerInnen und der Belegschaft zu beachten: „Letztere haben eine tiefere Kenntnis des Unter- nehmens und erkennen bei einer Entscheidung die Vor- und Nachteile für das Unternehmen besser“, stellt Roswita Königswieser in ihrer Unter- suchung „Blick in den erlauchten Kreis“ fest. BetriebsrätInnen sind zu- dem in hohem Maße unabhängig vom Wohlwollen der Unternehmensleitung und durch ihre faktische Unkünd- barkeit vor entsprechendem Druck gefeit. Die Unabhängigkeit der Vertre- terInnen der ArbeitnehmerInnen im Aufsichtsrat wird von der EU-Kom- mission ausdrücklich anerkannt. Zu- dem zeigen deutsche Studien, dass die Mitbestimmung im Aufsichtsrat einen positiven Einfluss auf die Pro- duktivität hat. This is a man’s world In der Frage der Vielfalt hat die Arbeit- nehmerInnenseite gleichermaßen Auf- holbedarf wie die Kapitalvertreter. Ak- tuelle Daten vom September 2014 zei- gen, dass in den 20 im ATX gelisteten Unternehmen von insgesamt 225 Auf- sichtsrätInnen lediglich 33 Frauen in der Unternehmenskontrolle tätig sind. Zehn der insgesamt 63 Betriebs- rätInnen sind weiblich (15,9 Prozent), unter den KapitalvertreterInnen sind es mit 14,2 Prozent nur knapp weniger Frauen. Mehr als drei Viertel der Auf- sichtsrätInnen sind 50 Jahre und älter, nur 16 MandatsträgerInnen sind 40 Jahre und jünger. Ein typischer Aufsichtsrat in den Topbörsenunternehmen ist also männ- lich und im Schnitt Ende 50. Dabei sieht der Gesetzgeber immerhin seit 2012 vor, dass bei der Auswahl von Aufsichtsratsmitgliedern auf die Aspek- te der Diversität hinsichtlich der Ver- tretung beider Geschlechter und der Christina Wieser Abteilung Betriebswirtschaft der AK Wien