Arbeit&Wirtschaft 9/201426 Schwerpunkt Auf Dauer angelegt Kollektivverträge, die Gewerkschaften Jahr für Jahr ausverhandeln, sind die wichtigste Form der Mitbestimmung. I n der Vergangenheit saßen bei den Kollektivvertragsverhandlungen der Metaller immer alle Fachverbände der Metallindustrie gemeinsam an einem Tisch. Seit 2012 ist das nicht mehr der Fall, denn den Gewerkschaften wurde ei- ne neue Verhandlungskultur aufgezwun- gen: Sie führen nun Einzelverhandlungen mit jedem Fachverband. „Solche Ver- handlungen kosten viel Zeit und Kraft, die wir deutlich sinnvoller hätten inves- tieren können, zum Beispiel in die drin- gend notwendige Diskussion zum Thema Arbeitszeit“, sagt Rainer Wimmer, Vor- sitzender der Produktionsgewerkschaft PRO-GE. Einheitlicher Kollektivvertrag Als ein Signal in die richtige Richtung deutet der Gewerkschafter die Tatsache, dass alle Fachverbände bei der diesjähri- gen Forderungsübergabe anwesend wa- ren. Dem Wunsch nach gemeinsamen Verhandlungen wurde zwar auch dieses Jahr nicht entsprochen, dennoch konn- ten die Gewerkschaften Anfang Novem- ber ihr Ziel eines einheitlichen Kollektiv- vertrages (KV) erreichen. Nach insgesamt 14 Verhandlungsrunden einigten sich die Gewerkschaften PRO-GE und GPA-djp (Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier) mit den sechs Fachverbänden der Metallindustrie auf einen einheitlichen Kollektivvertrag und einen einheitlichen Lohn- und Ge- haltsabschluss für alle 180.000 Beschäf- tigten der Branche. Die Ist-Löhne und Ist-Gehälter sowie die kollektivvertragli- chen Mindestlöhne und Mindestgrund- gehälter steigen um 2,1 Prozent. Zudem wurde die Anwendung der Freizeitoption vereinbart. Für die ArbeitnehmerInnen bedeutet das, dass die Ist-Erhöhung in zusätzliche Freizeit umgewandelt werden kann. Soweit eine Betriebsvereinbarung vorhanden ist, können die Beschäftigten selbst bestimmen, ob sie die vereinbarte Option in Anspruch nehmen oder nicht. Kollektivverträge sind die wichtigste Form der Mitbestimmung in Unterneh- men. Vertreten durch die Gewerkschaf- ten stehen ArbeitnehmerInnen dem Ar- beitgeber gleichberechtigt gegenüber. Wie die Verhandlungen der Metallin- dustrie zeigen, sind Kollektivverträge einerseits Vereinbarungen zwischen Ar- beitnehmerInnen und ArbeitgeberIn- nen, die zur Regelung von Entlohnung und Arbeitsbedingungen abgeschlossen werden. Andererseits haben sie viele zu- sätzliche Funktionen zu erfüllen, wie etwa gleiche Konkurrenzverhältnisse auf der Arbeitgeberseite herbeizuführen. Das wird erreicht, indem ein System von Lohn- und Arbeitsbedingungen im Bereich größerer Wirtschaftsgruppen festgelegt wird, das die Bedingungen der jeweiligen Gruppe vereinheitlicht. Nicht zuletzt haben KVs auch eine wichtige Ordnungsfunktion, da durch sie viele Auseinandersetzungen auf Betriebsebe- ne vermieden werden. 98 Prozent durch KV geschützt In Österreich fallen fast alle unselbststän- digen ArbeitnehmerInnen unter einen Kollektivvertrag. Zum ersten umfassen- den KV-Abschluss kam es im Jahr 1896. Damals profitierten die Buchdrucker von den Vorteilen eines KVs. Mittlerweile gibt es hierzulande über 800, jährlich werden über 450 von den Gewerkschaf- ten verhandelt. Eine Studie der OECD (Organisati- on for Economic Co-operation and De- velopment) zur Tarifbindung von Ar- beitnehmerInnen bescheinigt Österreich eine Spitzenposition im internationalen Vergleich. Knapp 98 Prozent aller öster- reichischen ArbeitnehmerInnen sind durch KVs geschützt. Im Vergleich dazu sind zum Beispiel nur 62 Prozent der deutschen und nur 14 Prozent der Be- schäftigten in den USA abgesichert. Kollektivverträge verhelfen Arbeitneh- merInnen zu vielen Rechten und An- sprüchen, die nicht gesetzlich geregelt sind, wie etwa das Urlaubs- und Weih- nachtsgeld und die jährlichen Lohner- höhungen. Auch hinsichtlich der Arbeitszeit gibt das Gesetz nur den Rahmen vor, die Gewerkschaften verhandeln hier für jede Branche faire Arbeitsbedingungen aus. KVs regeln außerdem die Zuschläge für Schichtarbeit, Feiertagsarbeit, Über- stunden und Mehrstunden – und auch Freizeitansprüche bei Übersiedlung oder Heirat. Außerdem gelten in Österreich Kollektivverträge für alle Arbeitneh- merInnen, auch wenn sie keine Gewerk- schaftsmitglieder sind. Im Fachjargon wird das „Außenseiterwirkung“ ge- nannt. Nichtsdestotrotz ist es überaus wichtig, sich gewerkschaftlich zu orga- nisieren. Mehr Mitglieder bedeuten, dass mehr Druck ausgeübt werden kann, um Amela Muratovic ÖGB-Kommunikation