Arbeit&Wirtschaft 9/201428 Schwerpunkt Zwischen Mitbestimmung und Ausbeutung Crowdworking: Herausforderungen für die Betriebsratsarbeit am Beispiel der Daimler AG. D ie Produktion am Standort Deutschland wird zahlreichen Maßnahmen zur Kostensenkung unterworfen. Die klassische Pro- zessoptimierung, in Anlehnung an die Op- timierungsmaßnahmen in der Produktion, wird zunehmend um die scheinbar posi- tiven Effekte einer digitalen Vernetzung beziehungsweise des Crowdworkings der Belegschaft oder zumindest von Beleg- schaftsgruppen ergänzt. Die virtuelle Welt hat damit in den vergangenen Jahren einen enormen Stellenwert, auch innerhalb der täglichen Arbeit, im Betrieb eingenom- men. Bereits mit der Einführung des In- tranets zur Jahrtausendwende wurde in der Daimler AG der Grundstein für eine brei- te Vernetzung der Belegschaft gelegt. Vernetzung im In- und Ausland Ein weiterer Baustein war die breitflächige Einführung des Datenbanksystems Lotus Notes. Dieses ermöglichte zum ersten Mal eine Vernetzung von Projektarbeitsgrup- pen auch zwischen den verschiedenen Fir- menstandorten im In- und Ausland. Spe- zifisches Know-how sowie Arbeits- und Projektstände waren damit zum ersten Mal vergleichsweise einfach in der virtuellen Welt austauschbar und jederzeit verfügbar. Die Einführung von Internet, Intranet und Lotus Notes wurde eng vom Gesamtbe- triebsrat begleitet und mündete im Ab- schluss einer Gesamtbetriebsvereinbarung. Zum Beispiel wurde eine eingeschränkte Privatnutzung von Internet und E-Mail am Arbeitsplatz erlaubt. Die örtlichen Be- triebsratsgremien erhielten das Recht, sich mit eigenen Seiten und Themen im Intra- net zu präsentieren. Erste Stufe des Crowd-Gedankens Bis 2008 war von einer Community oder gar einem Social-Media-Ansatz nicht die Rede. Die Vernetzung war zwar flächen- deckend gegeben, ein Beteiligungsmodell im Sinn eines interaktiven vernetzten Ar- beitens existierte aber nicht und war auch kein Thema in den Betriebsratsgremien. Dies sollte sich mit der Einführung der „Business Innovation“-Plattform ändern. Sicher auch angefeuert durch die aufkei- mende Finanzkrise, wurde die Idee gebo- ren, das breit gefächerte Wissen aller Mit- arbeiterInnen anzuzapfen, um innovative und gewinnbringende Ideen rund um den Betrieb aufzugreifen und zu vermarkten. Der Crowd-Ansatz lag aber nicht nur darin, die einzelnen Ideen aufzunehmen, sondern wurde weitergeführt, indem al- len anderen interessierten Mitarbeitern diese Idee zur Diskussion gestellt wurde, sodass in verschiedenen Stufen weiterent- wickelt werden konnte. Damit wurde ein Instrument geboren, das völlig im Ge- gensatz zum bisherigen betrieblichen Ver- besserungsmanagement stand. In der Business Innovation nämlich werden die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats ausgehebelt. Ein weiteres Problemfeld aus Sicht des Betriebsrats ist die Frage, wie eine gute Idee zusätzlich vergütet wird. Schließlich haben die Ideen-Einreiche- rInnen eine positive Arbeitsleistung im Sinn der Unternehmensentwicklung er- bracht. Die vom Arbeitgeber entwickel- ten Spielregeln zu Business Innovation sehen aber keinerlei Vergütungsansprü- che vor. Die Nutzung der kollektiven Intelligenz soll also dem Arbeitgeber kostenfrei zur eigenen Strategie und Gewinnoptimierung zur Verfügung ge- stellt werden. Trotz aller Nachteile aus Betriebsrats- perspektive hat die Plattform beziehungs- weise Community den Nerv einer Grup- pe innovativer Mitarbeiter getroffen. Über die Community sind natürlich auch Selbstdarstellungen möglich, was durch- aus als der Karriere förderlich beurteilt wird. Mittlerweile werden Themenfelder vorgegeben, die aus Unternehmenssicht von besonderem Interesse sind. Ergän- zend wird seit Kurzem versucht, den Ent- wicklungsprozess mithilfe von entspre- chenden Kurzmitteilungen über Twitter noch zu beschleunigen, wodurch letzt- endlich auch die Grenzen des Beruflichen Bernd Öhrler Mitglied des Betriebsrats und Vorsitzender Ausschuss IT, BR-Zentrale Daimler AG Jörg Spies Betriebsratsvorsitzender Zentrale und Mitglied im Aufsichtsrat der Daimler AG Mitglied der großen Tarifkommission der IG Metall Baden-Württemberg B U C H T I P P Christiane Benner: Crowdwork – zurück in die Zukunft Rechtliche, politische und ethische Fragen digitaler Arbeit ÖGB-Verlag, 2014, 420 Seiten, € 29,90 ISBN: 978-3-99046-099-3 Bestellung: www.besserewelt.at