Arbeit&Wirtschaft 9/201442 Wir sind Europa D ass sich ein Europapraktikum lohnt, wird niemand bestreiten. Man erhält Einblicke in neue Be- reiche und sammelt Erfahrungen, die einem keiner mehr nehmen kann. Reicher an Erfahrungen und ausgestattet mit neuen Erkenntnissen kehrt man auch nach dem Europapraktikum der Sozial- akademie zurück. Einen Monat lang der Gewerkschaft Unia – Sektion Zürich/ Schaffhausen über die Schultern blicken zu dürfen ist für einen österreichischen Gewerkschaftssekretär daher ein ganz be- sonderes Erlebnis. Einzelbetreuung Die Sektion Zürich/Schaffhausen ist eine sogenannte Pilotregion, in der die Ge- werkschaftsarbeit in eine kollektive Mit- gliederbetreuung und eine individuelle Mitgliederbetreuung geteilt wurde. Kon- kret bedeutet das, dass die Beratung und Betreuung des oder der Einzelnen von der restlichen gewerkschaftlichen Arbeit getrennt wird. Die Umstellung auf dieses Modell hatte zur Folge, dass mehr Poten- zial für die kollektive Mitgliederbetreu- ung freigesetzt und die Beratung zielge- richteter und qualitativ hochwertiger ge- worden ist. Schon die ersten Wochen führten zu interessanten Erkenntnissen. So verlau- fen Mitgliederwerbegespräche in der Schweiz ähnlich wie in Österreich. The- ma Nummer eins: der Gesamtarbeits- vertrag (GAV) – also das Schweizer Äquivalent zum Kollektivvertrag. Lauscht man den Gesprächen, stößt man aber auch auf andere Themen wie die „Vollzugskosten“, die Mitglieder über ihre Gewerkschaft zurückfor- dern können, oder die Paritätische Kommission, die in der Schweiz auch bei Lohnproblemen tätig wird. Der wohl auffälligste Unterschied scheint aber zu sein, dass es für die Schweizer Ge- werkschafterInnen im Außendienst zu ihrem Alltag gehört, mehr- und viel- sprachige Gespräche mit den Menschen zu führen. Organizing bedeutet harte Arbeit. Die Zürcher „OrganizerInnen“ teilen sich ihre Arbeit weitgehend selbst ein, wobei abends und an Wochenenden auffällig viel gearbeitet wird. Sogenann- te House Visits stellen ein effektives Mittel in der Schweizer Gewerkschafts- arbeit dar. Wie der Name schon sagt, werden ArbeitnehmerInnen in ihren ei- genen vier Wänden besucht, was – wie es scheint – eine Reihe an Vorteilen mit sich bringt. „Die Menschen fühlen sich zu Hau- se wohl und es fällt ihnen leichter, offe- ne Gespräche zu führen. Zu Hause füh- len sie sich sicher, wenn sie uns über Probleme in ihrem Betrieb berichten oder wenn sie sich rechtlich beraten las- sen wollen“, erklärt ein Zürcher Ge- werkschaftssekretär. Aufbauteam Mit gezielter Kampagnenarbeit für Ar- beitnehmerInnen der verschiedenen Branchen beschäftigt sich in der Unia das Aufbauteam. Als sich vor den Gesamt- arbeitsvertragsverhandlungen Schwierig- keiten in der Baubranche abzuzeichnen begannen, trafen sich die Mitglieder des Aufbauteams mit den BauarbeiterInnen – zum Teil in Baracken – und nutzten de- ren Vormittagspausen und Mittagspausen für Präsentationen und Informationsver- anstaltungen. Neben der Betreuung der Vertrauensleute und der verschiedenen Branchen kümmert sich das Aufbauteam auch um die Sprachgruppen, die eine ganz besondere Gruppe innerhalb der Schwei- zer Gewerkschaftsbewegung darstellen. Sprachgruppen arbeiten aktiv an Weiter- bildungsveranstaltungen, zu denen unter anderem Sprachkurse zählen. Portugie- sisch, Albanisch und Serbokroatisch ste- hen dabei im Vordergrund. Teil des eigenen Erlebens Nur wenige Wochen in einem „fremden“ Land führen zu vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen. Eindrücke und Erfah- rungen enden nicht in dem Moment, in dem sie passieren. Hat man sie einmal gesammelt, ist es unmöglich, an jenen Punkt zurückzukehren, an dem sie noch nicht Teil des eigenen Erlebens waren. Man nimmt sie mit und sie verändern die eigene Sichtweise, das eigene Arbeiten und das eigene Wesen. Und das ist das Wertvolle daran, weil wir schließlich alle voneinander lernen können. Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor martin.bramato@proge.at oder die Redation aw@oegb.at Voneinander lernen Eindrücke aus einem Monat bei der Schweizer Gewerkschaft Unia in der Sektion Zürich/Schaffhausen. Martin Bramato SOZAK-Teilnehmer des 60. Lehrgangs