Arbeit&Wirtschaft 1/2015 9Interview nalstaaten ausgegangen wäre, wenn es nicht die Europäische Union und die Eu- ropäische Zentralbank gegeben hätte. Natürlich muss es in den einzelnen Nationalstaaten Reformen geben. In al- len besteht die Gefahr der Überdimensi- onierung der Bürokratie. Das ist schon alles richtig, aber es fehlt der zweite Teil, nämlich dass man investieren müsste, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Dem wird allerdings entgegengehalten, es seien nicht mehr Mittel da, weshalb nichts anderes übrig bleibe, als zu sparen. Erstens einmal gibt es bei der Europäi- schen Investitionsbank sehr wohl Mittel. Dann ist ja der Schuldendienst bei einer Niedrigzinspolitik ein sehr geringer. Und man könnte die wirklichen Investitionen aus dem Maastricht-Defizit herausneh- men, und damit hätte man schon einen Spielraum. Woran scheitert es? Da sind einzelne Nationalstaaten, die ein großes Gewicht in der Europäischen Uni- on haben, eben sehr skeptisch. Dann gibt es einen Mainstream – wenn man sich an- sieht, wie Griechenland behandelt wurde –, der eben nur auf Sparpolitik setzt und keine ausgewogenen, auf längere Zeit ori- entierten Maßnahmen setzt. Kürzlich hat Karl Aiginger (Wifo-Chef, Anm.) – der ja nicht gerade den Ruf hat, ein Linksex- tremer zu sein – gesagt: Ein Austritt Grie- chenlands aus dem Euroraum würde allein Österreich zehn Milliarden Euro kosten. Das ist ungefähr das doppelte Volumen von dem, was jetzt an Steuerreform ange- dacht ist. Wirtschaftlich hängt eben be- reits vieles zusammen und man muss ver- suchen, gemeinsame Lösungsansätze zu finden. Diktate, wie die Troika dies in Griechenland gehandhabt hat, sind auf Dauer nicht zielführend, um gemeinsame Regelungen zu finden. Wie haben Sie die Rolle von Gewerk- schaften und AK im Vorfeld des EU- Beitritts wahrgenommen? Die Sozialpartner und deren Aktivitäten waren ganz wichtig, damit wir die Volks- abstimmung gewinnen konnten, weil sie eindeutig Aufklärungsarbeit getätigt ha- ben. Gerade die Gewerkschaften und die Betriebsräte haben eine ganz wichtige Rolle gespielt. Was hätten Gewerkschaften oder AK an- ders oder besser machen können? Als die Freizügigkeit der Rumänen und Bulgaren verhandelt wurde, hat ein Teil der Arbeiterkammer-Funktionäre sehr, sehr skeptisch reagiert und es in der Öf- fentlichkeit meiner Meinung nach dra- matisiert. Damit meine ich nicht, dass man nicht auf Probleme hinweisen kann. Aber im Endeffekt sind ja mehr Einwan- derer aus Deutschland als aus Bulgarien gekommen. Vor der Volksabstimmung führte das ganze Land permanent Diskussionen. Wie viel waren Sie selbst unterwegs? Ich war viel unterwegs. Von 1992 bis zur Volksabstimmung war ich praktisch drei Tage in der Woche in Österreich unterwegs – zwei Tage war ich im Bundeskanzleramt, um Dinge vorzubereiten. Ich hab x Veran- staltungen absolviert, ich weiß gar nicht, wie viele es waren. So viele Einladungen hatte ich vorher und nachher nie wieder. Das Einzigartige daran war: Es waren nicht nur Veranstaltungen von politischen Par- teien, sondern ich war oft in Unterneh- mungen, bei Betriebsversammlungen, in katholischen Mütterclubs, Sparkassen ha- ben für ihre Kunden Veranstaltungen ge- macht. Da waren wir eigentlich alle – die Regierungsmitglieder, aber auch die Sozi- alpartner – wirklich eingespannt, und das waren gute Diskussionen. Der Ederer-Tausender hat Ihnen viel Spott beschert. Bereuen Sie diese Aussage? Erstens einmal, auch wenn es niemand in dem Land glaubt: Ich habe damals gesagt, dass sich eine vierköpfige Familie 1.000 Schilling in einem Monat erspart – und es gibt x Untersuchungen von Wirtschafts- forschern, die belegen, dass das stattgefun- den hat. Allerdings hat es zur gleichen Zeit, als wir der EU beigetreten sind, das erste Sparpaket gegeben, und die Leute – und das verstehe ich – haben das vermengt. Danach ist das zum Synonym geworden für: Die haben uns nicht überall die Wahr- heit gesagt. Wenn ich auf der Straße un- terwegs bin, werde ich immer noch ange- sprochen, viele fragen aggressiv: Wo ist der Tausender? Welche Hoffnungen haben Sie damals in die EU gesteckt? Ich habe in die Europäische Union sehr stark die Hoffnung gesteckt, dass damit Mangelndes Engagement bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit: Das ist der größte Kritik- punkt der früheren Europa-Staatssekretärin Brigitte Ederer. Das Problem sind die fehlenden Invesitionen, bemängelt die Sozialdemokratin. © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm