Arbeit&Wirtschaft 1/201530 Schwerpunkt B reite Zustimmung: Am 12. Juni 1994 sagten 66,6 Prozent der Be- völkerung bei der österreichischen Volksabstimmung Ja zur EU. Mei- ne Großmutter, Jahrgang 1906, zwar schon bettlägerig, aber geistig aktiv, nahm den offiziellen EU-Beitritt am 1. Jänner 1995 durchaus zur Kenntnis. Doch das Kürzel für die Europäische Union blieb bei ihr ein gesprochenes „Äui“. Fünf Jahre später ver- hängte die „Äui“ Sanktionen gegen Öster- reich – der schwarz-blauen Regierung we- gen. Schwarz-Blau-Gegner fanden das mehrheitlich gut, konservative EU-Gegner fühlten sich in ihrer Meinung bestärkt. Je- ne, die den Euro immer noch in Schilling umrechnen, träumen von der Rückkehr der alten Währung. Die Umsetzung des Schen- gener Abkommens, das bei den beteiligten Staaten die Abschaffung der Grenzbalken mit sich brachte und ärgerliche Zollkon- trollen vergessen ließ, schürte wiederum Ängste im Lande der Seligen – Stichwort „Ost- und Bettelmafia“ oder Pink-Panther- Bande. PolitikerInnen, die wieder geschlos- sene Grenzbalken – vor allem gen Osten – fordern, sind leider keine Seltenheit. Beflügelt Trotz allem: Im März 2014 gaben 64 Pro- zent an, in der EU bleiben zu wollen (Um- frage Österreichische Gesellschaft für Eu- ropapolitik, ÖGfE). Die höchste Zustim- mung zur EU-Mitgliedschaft erreichte 80 Prozent (2002), der stärkste Austritts- wunsch lag 2008 bei 33 Prozent. Reise- und Arbeitsfreiheit haben die Europäer beflü- gelt. Aus dem südfranzösischen Toulouse kam Nathalie A. vor 16 Jahren nach Wien, um einerseits als Sprachassistentin zu arbei- ten und andererseits über das Wien in der Jahrhundertwende für die Universität in Frankreich zu recherchieren. Die Französin blieb und erfuhr nach rund einem Jahr in Österreich, dass sie eine Bescheinigung be- nötigt. „Die Beamten bei der Behörde sag- ten mir, ich sei illegal hier – das war ein Schock, ich dachte, dass man in der EU gar nichts braucht. Ich musste beweisen, dass ich genug verdiene und sozialversichert bin.“ Einer Geldstrafe entging sie nur knapp. Heute arbeitet die 44-Jährige als Französischlehrerin, ihren französischen Mann, der erst viel später nach Österreich kam, hat sie hier kennengelernt. Für ihren Sohn, der in Wien auf die Welt kam, aber französischer Staatsbürger ist, musste Na- thalie A. bei der MA 35 – Einwanderung und Staatsbürgerschaft – eine EWR-An- meldebescheinigung und die Daueraufent- haltsbescheinigung beantragen. „Mit der Europäischen Union ist das Reisen einfa- cher und ich denke auch billiger geworden, aber für mich war vor allem die Einführung des Euro sehr wichtig, weil ich immer mit zwei Geldbörsen unterwegs war und stets Münzen vergessen habe“, erzählt die Fran- zösin. Ab 1. Jänner 2002 löste der Euro den Schilling als Zahlungsmittel ab. Früher hat Nathalie A. immer viele Käsesorten von ihren Aufenthalten da- heim in Frankreich nach Wien mitge- bracht. „Jetzt gibt es in den Supermärkten gute französische Käsespezialitäten, Butter mit Salz und auch endlich Cornichons“, freut sich Nathalie A. über französischen Käse und die kleinen Gürkchen. Andere in Österreich haben mit der EU den Zu- zug der süßen Nektarine oder des argenti- nischen Rindfleisches begrüßt. Bis zum EU-Beitritt wurde die Einfuhr von Waren nach Österreich reglementiert. Viele Pro- dukte waren nur eingeschränkt verfügbar, vor allem, um die heimischen Produzen- ten vor allzu großer Konkurrenz zu schüt- zen. Seit dem Beitritt können Supermarkt- Ketten nach Belieben zukaufen – das wirkt sich auf die Angebotsvielfalt und Preise aus. Brot ist bei uns etwa teurer als in Frankreich, und wenn Nathalie A. in Wien Kaffeetrinken geht, muss sie hier mehr bezahlen als in ihrem Heimatland. Ungleichgewicht Der AK-Monitor stellt regelmäßig ein Un- gleichgewicht zwischen Preisen aus Deutschland und Österreich fest. Im ver- gangenen Jahr war ein Warenkorb mit 165 gleichen Drogeriewaren in Wien um durchschnittlich 53,2 Prozent teurer als in München (Verkauf in Super- und Droge- riemärkten). KonsumentInnen im benach- barten Ausland müssen für den Warenkorb durchschnittlich 457,79 Euro zahlen, in Wien aber stolze 701,40 Euro. „Der Ös- Sophia T. Fielhauer-Resei Freie Journalistin Erasmus mit Gürkchen Zwei Dekaden lang gehört Österreich bereits zur Europäischen Union. Was sich von Cornichons bis zum Preisaufschlag für uns verändert hat. B U C H T I P P Severin Groebner: Servus, Piefke Was sich ein Wiener in Deutschland so denkt Südwest Verlag, 176 Seiten, 2011, € 29,99 ISBN: 978-3-5170-8707-8 Bestellung: www.besserewelt.at