Arbeit&Wirtschaft 10/201510 Interview fragst nicht genau, unter welchen Bedin- gungen es hergestellt wurde. Diese Veränderung hin zu einer soli- darischen Lebensweise ist eine, die natür- lich Vorbilder braucht, die Orientierung braucht. Da würde ich die Gewerkschaf- ten und Arbeiterkammern in die Pflicht nehmen. Sie sollten nicht sagen „Mehr im Geldbörsel!“ oder „Billig konsumieren!“, sondern vielmehr: „Solidarisch und gut konsumieren!“. Die Gewerkschaften in Österreich gerade in den 1920ern haben ja gesagt: Wir sind gesellschaftspolitische Akteure und wir gestalten mit. Dann sind sie in die Defensive gedrängt worden als Par- tikularinteressenvertreter, während das Kapital das Allgemeininteresse vertritt. Genau das ist ja der Erfolg des Neo- liberalismus. Und jetzt zu sagen: Die Ge- werkschaften vertreten weiter die Interes- sen ihrer Mitglieder, aber sie vertreten auch das Interesse an einer guten Um- welt, an Zukunftsfähigkeit ... Dazu ge- hört aber auch, dass man sagt: Ihr, liebe Mitglieder, seid nicht entlassen, das ma- chen nicht nur wir Vertreter, sondern en- gagiert euch! Die Menschen selber sollen sich als politisches Subjekt fühlen. Klar, wir benötigen Formen der Repräsenta- tion, aber es gibt so viele Interessen- bildungsprozesse, die völlig abgeschnit- ten von den Mitgliedern ablaufen, weil die Gewerkschaften oder die Funktionäre – und ich meine das nicht böse – ja eh wissen, was die Mitglieder wollen. Es geht also um eine Re-Politisierung – und damit meine ich keine Überpolitisierung, sondern eine kluge Re-Politisierung. Das war ja so spannend am Flüchtlingsthema im Sommer. Da wäre Arbeitszeit ein spannendes Thema, auch Vermögenssteuern. Oder das Klimathema: Wir wissen, wir leben materiell über unsere Verhältnisse, wir zerstören da etwas. Da gibt es einen gro- ßen Unmut. Diesen könnte man in eine andere Lebensweise umbauen, etwa in- dem man sagt: Wien wird im Jahr 2030 autofrei sein. Überlegen Sie mal: Die Stadt wäre fast ohne Autos, außer Notwä- gen und so weiter. Das ist noch eine Grö- ße, das ist doch Lebensqualität! Das ist aber auch eine Frage des Angebots, dass Menschen außerhalb des Gürtels und im Umland mitmachen können, und da wird es halt nicht so einfach. Inwieweit hängen gutes Leben und Chan- cengleichheit zusammen? Diese Transformationsdebatte kommt ganz stark aus der Ökologie und es gibt diesen Spruch: Gutes Leben für alle, nicht Dolce Vita für wenige! Das halte ich für ganz zen- tral. Weltweit ist es Dolce Vita für wenige, aber auch innergesellschaftlich. Das gute Leben für alle ist eine Frage der Gerechtigkeit und der starke Gewerk- schaftsbegriff ist die „Just Transition“. Der war ja teilweise in den Klimaverhandlun- gen präsent, ist aber wieder rausgefallen. Darauf würde ich aber bestehen: Das gute Leben muss ein gerechtes und solidari- sches Leben sein. Und die Umweltdebatte zieht es sozusagen auf den ökologischen Imperativ: Wir müssen jetzt die CO2- Emissionen bis 2050 um 80 Prozent redu- zieren. Ich glaube auch, dass wir das müs- sen, aber wenn wir das nicht gerecht hin- kriegen, machen die Leute nicht mit. Die Aufgabe in den nächsten Jahren wird sein, das nicht den Rechten zu über- lassen. Die bedienen das mit Wohlstands- chauvinismus, mit Rassismus, mit Abwer- tung, Hierarchisierung. Vielmehr braucht es ein Wohlstands- modell – dass wir uns bereit machen, um diese solidarische Lebenspraxis zu errei- chen. Von daher kommen wir um die Ge- rechtigkeitsfrage nicht herum und auch nicht um die Machtfrage. Man muss sich mit den Vermögenden anlegen, man muss sich mit denen anlegen, die die Investiti- onsentscheidungen treffen, und das sind in der Regel private Unternehmen, und die muss man gegebenenfalls blockieren. Der Ausbau öffentlicher Infrastruktur wird derzeit gerne mit dem Sparzwang vom Tisch gewischt. Ist da eine Wende überhaupt möglich? Man kommt nur heraus, wenn wir die Aus- terität überwinden. Die große Blockade – neben dem Mentalen und Machtfragen, die wir gerade diskutiert haben – ist zurzeit die Austeritätspolitik. Die erzeugt wahn- sinnig viel Angst, und zwar auch bei jenen, die heute noch gut leben – machen wir uns nichts vor! Die Überwindung der Austeritätspoli- tik kann aber nicht nur traditions-keyne- sianisch sein, also nicht: Wir machen Wachstum, Wachstum, Wachstum, und verteilen besser. Das ist nicht unbedingt gerechtigkeitsfördernd. Die traditionelle keynesianische Lehre legt sich auch nicht unbedingt mit herrschenden Interessen an. Wir sind in einer Situation, in der wir einen kampfmutigen Keynesianismus brauchen und auch die Ökologiefrage stellen müssen. Gibt es da noch Raum für das „normale“ Leben, in dem es eben auch Krisen gibt? Es wird weiterhin Jobs geben, die nicht an- genehm sind. Da sollte man nicht naiv sein. Nur: Wie ist die Arbeit verteilt? Wie wird das bezahlt? Welche Arbeit wird abgewer- tet? Warum gibt es Eliten, die die tollen Jobs machen, und viele andere haben nicht so tolle Jobs? Der Philosoph (Theodor W., Anm.) Adorno hat einmal gesagt, in einer emanzipierten Gesellschaft würde er auch am Tag drei Stunden Fahrstuhlführer sein, wenn er damit zu einer besseren Gesell- schaft beiträgt. Das aber eher als Bonmot. Ich bestehe eben deshalb auf den Be- dingungen: Man muss die Bedingungen schaffen, dass man mit Mühsal oder einer Krisensituation gut umgehen kann und nicht alleingelassen wird. Hartz IV heißt ja, ich habe eine Krisensituation und diese wird verlängert. Ich werde auch noch ge- sellschaftlich stigmatisiert. Eine gute Ge- sellschaft würde sagen: Natürlich wird mal jemand arbeitslos, hat ein Burn-out oder es stirbt ein Mitmensch – und diese Krise wird gut aufgefangen. Die Frage, die mich vor allem um- treibt: Wie können wir in einem demokra- tischen Prozess ein besseres Leben für alle schaffen? Gerade im Gewerkschafts- und Beschäftigtenspektrum lautet die Frage: Wie kommen wir aus dieser fossilen De- mokratie raus? Diese Frage haben wir noch nicht richtig verstanden. Also wie schaffen wir eine ressourcenleichte, solida- rische, emanzipatorische Demokratie? Wir danken Ihnen für das Gespräch. Das Interview führte Sonja Fercher für Arbeit&Wirtschaft. Schreiben Sie Ihre Meinung an die Redaktion aw@oegb.at