11HistorieArbeit&Wirtschaft 10/2015 GewerkschafterInnen aus betrieblichen und überbetrieblichen Organisationen standen schon immer in den vorderen Reihen, wenn es darum ging, Menschen auf der Flucht zu hel- fen – die Geschichte der Gewerkschaftsbewe- gung ist ja ihrerseits auch eine Geschichte von Verfolgungs- und Fluchterfahrungen, ange- fangen von der Pionierzeit im 19. Jahrhundert bis zur faschistischen Ära von 1934 bis 1945. Bei allen Flüchtlingswellen, die Österreich er- reichten, hatte der ÖGB dabei das soziale Gan- ze im Auge. Flüchtlingen eine Chance statt Almosen zu geben, das heißt aus Gewerk- Sie mussten wissen, dass die Chance gleich null war. Trotzdem verjagten die hungernden kleinen Leute von Paris im Jahr 1871 ihre kor- rupte Verwaltung und wählten eine sozialisti- sche Stadtregierung, die auch den Achtstun- dentag einführte. Die Truppen des besiegten Frankreichs und des siegreichen Deutschen Reichs bereiteten dann gemeinsam der „Commune“ ein blutiges Ende. Der Dichter Bert Brecht setzte den Besiegten mit seinem Gedicht „Resolution der Kommunarden“ ein Denkmal. Er nannte ihre Ziele – darunter ge- rechte Gesetze, kein Hunger mehr, Wohnung, Heizung und guter Lohn – und schloss die Strophen mit dem Refrain: In Erwägung, dass ihr uns dann eben mit Gewehren und Kanonen droht, haben wir beschlossen, nunmehr schlech- tes Leben mehr zu fürchten als den Tod. Ähnlich empfinden wohl die meisten Flücht- linge, die sich, um Krieg, Hunger und Chan- cenlosigkeit in den finanziell völlig unterver- sorgten Auffanglagern in der Nachbarschaft der Kriegsgebiete zu entkommen, auf den ge- fährlichen Weg nach Europa machen. Unter diesen Bedingungen sei, so der ÖGB-Bundes- vorstand in seinem einstimmigen Positions- beschluss zur Flüchtlingsfrage vom 29. Okto- ber 2015, die Unterscheidung zwischen Kriegs- und sogenannten „Wirtschafts- flüchtlingen“ … schwer zu treffen. Sie alle treten den Weg nach Europa an, auf der Suche nach einem menschenwürdi- gen Leben. … Europa muss deshalb … vertriebenen Menschen ausreichend Schutz gewähren!“ Schlechtes Leben fürchten Die Gewerkschaft war und ist Bewegung gegen schlechtes Leben. Deshalb ihr Kampf gegen Arbeitslosigkeit, deshalb ihr Einsatz für Flüchtlinge. schaftssicht, sie nicht zum Spielball am Ar- beitsmarkt werden zu lassen, sie nicht gegen die schon im Land befindlichen Arbeitslosen auszuspielen. Das betonte auch der ÖGB-Bun- desvorstand 2015: Keinesfalls darf die Notsituation Arbeit suchender Men- schen für Lohn- und Sozialdumping missbraucht werden. Ausgewählt und kommentiert von Brigitte Pellar brigitte.pellar@aon.at © A rc hi v de s ÖG B/ Pl ak at ar ch iv. ÖGB-Plakat Ende 1956: Nach der Niederlage des antikommunistischen Aufstands in Ungarn kamen 180.000 Flüchtlinge. 1968 folgten nach der Vernichtung des „Prager Frühlings“ 162.000 Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei, Anfang der 1990er-Jahre 90.000 bosnische Kriegsflüchtlinge.