Arbeit&Wirtschaft 10/2015 13Schwerpunkt schlugen einen neuen Begriff von Wohl- stand sowie eine neue Wohlstandsmes- sung vor. Diese müssten „neben dem materiel- len Wohlstand auch soziale und ökolo- gische Dimensionen von Wohlstand abbilden“. Auch sie stellten das Wachs- tumsdogma infrage, denn dieses führe eben nicht automatisch „zu mehr mate- riellem Wohlstand für alle, mehr sozialer Gerechtigkeit und der Lösung der öko- logischen Herausforderungen“. Außerdem legte die Kommission eine Definition von Lebensqualität vor, die folgende Dimensionen beinhaltet: „der materielle Lebensstandard, der Zu- gang zu und die Qualität von Arbeit, die gesellschaftliche Verteilung von Wohlstand, die soziale Inklusion und Kohäsion, eine intakte Umwelt und die Verfügbarkeit begrenzter natürlicher Ressourcen, Bildungschancen und Bil- dungsniveaus, Gesundheit und Lebens- erwartung, die Qualität öffentlicher Da- seinsvorsorge sowie sozialer Sicherung und politischer Teilhabe als auch die subjektiv von den Menschen erfahrene Lebensqualität und Zufriedenheit“. Mehr als materielle Bedürfnisse In eine ähnliche Richtung gehen die Vor- stellungen des britischen Ökonoms Tim Jackson, der als einer der renommiertes- ten Kritiker des absoluten Glaubens an Wachstum gilt. In seinem Werk „Wohl- stand ohne Wachstum“ schreibt er: „Wohlstand in jeder sinnvollen Verwen- dung des Wortes handelt von der Quali- tät unseres Lebens und unserer Beziehun- gen, von der Belastbarkeit unserer Ge- meinschaften und von unserem Gefühl einer gemeinsamen Bestimmung.“ Diese Vorstellung geht also weit über die Befriedigung materieller Be- dürfnisse hinaus. Für Jackson ist Wohl- stand „tief in der Lebensqualität, der Gesundheit und dem Glück unserer Familien verankert. Er zeigt sich in der Stärke unserer Beziehungen und in un- serem Vertrauen in die Gemeinschaft. Wohlstand äußert sich durch Zufrie- denheit bei der Arbeit und in dem Bewusstsein, dass wir Werte und Ziele teilen. Er beruht auf unserem Poten - zial, voll und ganz am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.“ All diese Vorstellungen haben jedoch eine wesentliche Einschränkung: Die Entwicklung muss „innerhalb der öko- logischen Grenzen eines endlichen Pla- neten“ stattfinden. Menschen für den Wandel Diese verschiedenen Vorstellungen bewe- gen sich nicht im luftleeren Raum. Sie werden sogar von mehr Menschen geteilt, als man dies für möglich halten könnte. Laut einer Umfrage der Bertelsmann- Stiftung aus dem Jahr 2012 sind den ÖsterreicherInnen folgende fünf Wün- sche am wichtigsten: Gesundheit, per- sönliche Lebenssituation, das Leben weit- gehend selbst bestimmen zu können, in- takte Familie und Partnerschaft, Schutz der Umwelt. Auch glauben immer weniger Men- schen daran, dass Wirtschaftswachstum ihnen eine bessere Lebensqualität ver- schafft: 2010 teilten diese Meinung noch 40 Prozent, im Jahr 2012 sank der Wert auf 35 Prozent. 79 Prozent der Befragten waren der Meinung: „Es ist möglich, den Zuwachs an materiellem Wohlstand der Bevölkerung mit der Umwelt und einem sorgsamen Umgang mit Ressourcen in Einklang zu bringen.“ Weiter auf Kosten der Zukunft? Mehr als 40 Jahre sind seit dem ersten Bericht des Club of Rome vergangen, sei- nen ersten Berechnungen zufolge hätten wir fast die Hälfte auf dem Weg zur Gren- ze des Wachstums hinter uns gelegt. Seit damals wurden diese Grenzen wiederholt überprüft und adaptiert. Die Frage ist allerdings weniger, wann die Endlichkeit des Planeten denn nun tatsächlich erreicht ist. Fakt ist, dass die heutige Wirtschafts- und Lebenswei- se auf Kosten der Menschen wie der Na- tur geht. Oder um es mit Tim Jackson zu sagen: „Der Wohlstand von heute ist nichts wert, wenn er die Bedingungen untergräbt, von denen der Wohlstand von morgen abhängt.“ Internet: Bertelsmann-Stiftung: tinyurl.com/jhou9bn Das pdf des Berichts als Download: tinyurl.com/nkoskyz Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin sonja.fercher@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Schon im Jahr 1972 wurde die Frage nach den Grenzen des Wachstums gestellt. Sie bleibt aktuell.