Arbeit&Wirtschaft 10/2015 15Schwerpunkt schäftigten steigen. Veränderungsprozesse in Unternehmen sind kaum durchschau- bar, Vorschläge von Beschäftigten werden ignoriert. Fast alle Befragten berichten, dass sich im Laufe der Jahre die Distanz zum Management vergrößert hat, was als Demokratiedefizit empfunden wird. Erlebtes Arbeitsleid Das erlebte Arbeitsleid – „also die körper- lichen, psychischen und sozialen Folgen der Unterwerfung unter die Zumutungen des Erwerbslebens, denen keine adäquate oder eine unsicher werdende Belohnung in Form von Einkommen, Sicherheit, Aner- kennung und damit gesellschaftlicher In- tegration gegenübersteht“ – spielt eine wichtige Rolle. Leistungs- und Verfügbar- keitsgrenzen werden oft zu spät oder gar nicht bewusst wahrgenommen und kom- muniziert. „Erst diese Blockaden, erfahre- nes Arbeitsleid direkt zum Ausdruck zu bringen, ermöglichen es, das damit verbun- dene Unrechtsempfinden oder die aufge- staute Wut für Angriffe auf angebliche So- zialschmarotzer oder ‚Ausländer, die uns ausnützen‘, zu mobilisieren“, schreiben die Studien-AutorInnen. Außerdem: Nicht nur die beruflich erfolgreichen Aufsteige- rInnen haben „Arbeitsorientierung, Arbeit als Pflicht und Selbstzweck bzw. Leistungs- prinzip so sehr verinnerlicht, dass andere Einstellungen und Lebensentwürfe kaum akzeptiert werden können“. So werden an- dere schnell zu „Sozialschmarotzern“. Gleichzeitig wird auch eigene Erfolg- oder Arbeitslosigkeit als dramatisch erlebt. Die Neuen Rechten sind für mehrere Gruppen attraktiv: für leistungsorientier- te Selbstständige und für aufstrebende Angestellte, die um den Platz in der gesell- schaftlichen Mitte kämpfen; für Arbeite- rInnen und „kleine“ Angestellte, denen verschärfte Bedingungen und physische Belastungen am Arbeitsplatz sowie feh- lende Anerkennung zu schaffen machen. Geringverdienende Frauen mit Kindern wiederum leiden besonders unter ihrer Doppelbelastung und sehen sich in Kon- kurrenz mit billigen ausländischen Ar- beitskräften. So gut wie alle haben Angst, „ausgemustert“ oder ausgegrenzt zu wer- den, trotz hoher Leistungsbereitschaft. Dass es sich bei den Sorgen der Men- schen nicht nur um geschürte Ängste ohne Grundlage handelt, zeigt ein Blick in die Statistik. Ganze 14 Prozent Real- einkommensverlust für ArbeiterInnen verzeichnete die Statistik Austria zwischen 1998 und 2013. Derartige Einbußen sind täglich schmerzlich spürbar und führen, in Kombination mit ausufernden Arbeits- zeiten und hohen Flexibilitätsanforderun- gen, zu sozialer Isolation bzw. Angst vor Isolation. „Betroffene nehmen als beson- ders schmerzlich wahr, dass sie gesell- schaftlich nicht mehr mithalten können und sich ihre Sozialkontakte reduzieren. Es stellen sich Gefühle der Entfremdung von der Gesellschaft ein. Angesichts der Wahrnehmung von Immigrant/inn/en im öffentlichen Raum, zumal ihrer auffälli- gen Geselligkeit und ihrer oft großen Fa- milien, kann sich diese Entfremdung leicht an den ‚Fremden‘ entzünden. […] Migrant/inn/en und fremde Religionen werden dabei vielfach zum Symbol für die Fremdheit in der Gesellschaft – eine Fremdheit, die auch ohne Immigration gegeben wäre“, fassen die Studien-Auto- rInnen zusammen. „Der Druck in der Arbeitswelt und die Angst vor Jobverlust sind seit unserer Untersuchung nicht kleiner geworden“, umreißt Jörg Flecker, einer der AutorIn- nen sowie Leiter des Instituts für Soziolo- gie an der Uni Wien, die aktuelle Situati- on. „Der Wohlfahrts-Chauvinismus – wer hat Anspruch auf Sozialleistungen – wird sich noch weiter zuspitzen. Die Konkurrenz am Arbeitsmarkt oder auch um günstige Wohnungen wird weiter zu- nehmen.“ Sozioökonomische Spaltung Die Lebenswelten von ArbeiterInnen und Vermögenden, von Gebildeten und weni- ger Gebildeten driften immer weiter aus- einander. Diese sozioökonomische Spal- tung stellt ein gravierendes Problem dar. Aufrufe zur Toleranz, „mit denen die poli- tische Mitte und die intellektuelle Elite auf Manifestationen des Hasses auf Sünden- böcke reagierten“, wären eher kontrapro- duktiv und würden nur zu weiterer Ent- fremdung beitragen. „Mich und meine Probleme sieht keiner“ ist dann nicht selten die Reaktion von „Modernisierungsverlie- rerInnen“. Flüchtlinge bekämen breite Aufmerksamkeit und alles geschenkt, wäh- rend die eigene prekäre Situation nieman- den zu interessieren scheint. Da kommen die Rechtspopulisten gerade recht. Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin office@astrid-fadler.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Nicht alle AnhängerInnen von Rechtspopulisten sind auch AusländerfeindInnen. Sehr wohl aber nehmen sie diese Haltung wissentlich in Kauf.