Arbeit&Wirtschaft 10/201518 Schwerpunkt Die Glücksmessung Das gute Leben und die Bemühungen, es zu messen: International werden große Anstrengungen unternommen, das eigentlich nicht Messbare messbar zu machen. G lück, gutes Leben, Wohlstand: All das sind Begriffe, die wir alle gut kennen. Und doch versteht jedes Individuum etwas anderes darun- ter, weshalb sie sich nicht so einfach mes- sen lassen. Dennoch gibt es seit geraumer Zeit Bemühungen, sogenannte Wohl- fahrtsindikatoren zu berechnen – genauer gesagt seit Erscheinen des sogenannten Stiglitz-Sen-Fitoussi-Reports (SSFR; 2009). Bei diesem Report handelt es sich um eine Empfehlung – gerichtet vor- dringlich an die nationalen Statistikpro- duzenten –, Schlüsselindikatoren zu ent- wickeln, die so etwas wie Wohlstand, Gerechtigkeit oder gutes Leben zum In- halt haben. Österreich nimmt diesbezüg- lich eine Vorreiterrolle ein, denn schon im Jahr 2012 wurde mit dem Projekt „Wie geht’s Österreich?“ der SSFR in die Praxis umgesetzt. How’s life? Ziel ist es, den Blick über den Tellerrand der gängigen Maßzahl Bruttoinlandspro- dukt hinaus zu lenken und die subjektiv fassbare Lebenswirklichkeit zu betrach- ten. Damit steht Österreich in einer Rei- he anderer prominenter internationaler und supranationaler Statistikanbieter: „How’s Life?“ etwa stammt aus der Feder der OECD, Eurostat gibt die EU-weite Statistik über Einkommen und Lebens- bedingungen sowie die Europa-2020-In- dikatoren heraus und die UNO den „Hu- man Development Index“. Welche Daten bei den jeweiligen Messungen zur Basis genommen werden, dafür gibt es keine verbindlichen Vorgaben. Messungen Vergleicht man die unterschiedlichen na- tionalen und internationalen Konzepte miteinander, so lassen sich starke Paral- lelen erkennen. Als zentrale Messgröße werden meist das Bruttoinlandsprodukt (BIP, engl.: GDP) und seine Teilaggrega- te bevorzugt. Hintergrund dafür ist die leichte Verfügbarkeit dieser Basisdaten. Darü- ber hinaus gibt es Primärdaten, die aus Befragungen gewonnen werden. Promi- nente Beispiele dafür sind die europa- weite Haushaltsbefragung zur finanziel- len Situation und des Konsums (HFCS), die EU-Erhebung zu den Lebensbedin- gungen in Privathaushalten (EU-SILC) und die in vielen Ländern durchgeführ- ten Konsumerhebungen (die Ergebnisse der nächsten österreichischen Konsum- erhebung 2014/2015 werden 2016 er- wartet). Die Statistik Austria veröffentlicht jährlich ca. 30 Schlüsselindikatoren, un- ter anderem zu folgenden Themen: » Materieller Wohlstand: Konsum der privaten Haushalte, Verteilungsaspekte, Einkommen der privaten Haushalte, oder unbezahlte Produktion » Lebensqualität: Gesundheit, Freizeit, soziale Teilhabe, physische Unsicherheit, natürliche Wohnumgebung, subjektives Wohlbefinden oder Bildung » Umwelt und Nachhaltigkeit: Ressour- cen, Klimawandel, Energie oder Verkehr Vielfach stößt man jedoch an die Gren- zen der Messbarkeit, auch lässt die aktu- elle Datenlage oftmals keine weiteren Analysen zu. Besonders gravierend tritt dieses Problem beim Themenkomplex Einkommens- und Vermögenverteilung zutage, denn hierzu gibt es derzeit viel- fach nur unzureichende Basisdaten. Neoliberaler Widerstand Diese Mängel werden aber hoffentlich nach und nach gemäß den Empfehlun- gen des SSFR behoben. Anstrengungen dafür gibt es sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Und eines soll nicht unerwähnt bleiben: Die Erhebung/Offenlegung von Daten zur Einkommens- bzw. Vermögensver- teilung stößt immer noch auf vehemen- ten Widerstand bei wirtschaftsliberalen Kreisen. Die unberechtigte Angst vor Besitz- standsverlust erschwert daher eine voll- ständige Abbildung der Einkommens- und Vermögenssituation. Allerdings brauchen AkteurInnen in Wirtschaft und Politik eine vollständige und ge- sicherte Datenbasis als Grundlage für ihre Entscheidungen. Letztlich geht es auch um den gesellschaftlichen Zusam- menhalt: Eine umfassende Datenbasis schafft die Grundlage für Entscheidun- gen, die im Idealfall wohlstandserhö- hend wirken. Zur Schaffung von intelligentem, nachhaltigem und integrativem Wachs- tum setzt die EU-Kommission im Rah- Reinhold Russinger Abteilung Wirtschaftswissenschaften und Statistik der AK Wien