Arbeit&Wirtschaft 10/201526 Schwerpunkt D ie Arbeitswelt befindet sich im Wandel. Sogenannte traditionelle Arbeitsverhältnisse, in der Gestalt dauerhafter Vollzeitstellen mit be- ständiger sozial- und arbeitsrechtlicher Absicherung, geregelter Normalarbeits- zeit sowie guter und regelmäßiger Ent- lohnung scheinen der Vergangenheit an- zugehören. Zumindest aber weisen sie kaum Zuwachsraten auf. Prekarisierung Bergauf ging es im letzten Jahrzehnt fast ausschließlich bei der Teilzeitbeschäfti- gung, der Leiharbeit, der geringfügigen Beschäftigung, der neuen Selbstständig- keit – kurzum bei atypischen und prekä- ren Beschäftigungsverhältnissen, deren Einkommen vielfach nicht zum Leben ausreichen, sodass eine immer größere Gruppe an ArbeitnehmerInnen in Unsi- cherheit lebt. Viele dieser Menschen ha- ben in der derzeitigen Arbeitsmarktsitu- ation keine andere Wahl mehr, als sich den „neuen“ Bedingungen zu beugen. Ein Rekordwert an arbeitslosen Men- schen jagt den anderen, da scheint etwa das schlecht bezahlte Praktikum noch die beste Alternative zu sein, um nicht ganz den Anschluss zu verlieren. Aber auch in den traditionellen Arbeitsverhältnissen ist es bei Weitem nicht zum Besten be- stellt: Unbezahlte Überstunden, steigen- der Arbeitsdruck und Arbeitsverdichtung stehen in den Betrieben auf der Tages- ordnung. Die Frage nach „GUTER Arbeit“ hat die ArbeitnehmerInnenbewegung immer schon begleitet, heute erscheint sie aktueller denn je. Dabei wurde be- reits mit der Verankerung von arbeitsbe- zogenen Rechten in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (UN- Menschenrechtscharta) im Jahr 1948 ein wesentlicher Baustein gelegt. Darin heißt es, dass jeder „das Recht auf Ar- beit, freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen so- wie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit“ hat. Zudem steht allen, die arbeiten, „das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung“ zu, die ihnen und ihrer Fa- milie „eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert“. Auch haben sie „das Recht, zum Schutze ihrer Interessen Gewerkschaften zu bilden und solchen beizutreten“. Auch im wohlhabenden Europa sind wir von der Erfüllung dieses Anspruchs zum Teil immer noch weit entfernt. Und die aktuellen Entwicklungen wei- sen in eine falsche Richtung. Längst steht nicht mehr der Mensch im Mittel- punkt allen Wirtschaftens. Die Wirt- schaft ist nicht primär zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse ausge- richtet. Vielmehr ist Profitmaximierung Selbstzweck und Leitmotiv allen Wirt- schaftens. Der Mensch wird auf einen Produktionsfaktor reduziert, menschen- würdige Arbeitsbedingungen erscheinen nur mehr als Kostenfaktor, den immer häufiger die Beschäftigten mit ihrer Ge- sundheit bezahlen müssen. Einziges Argument im einschlägigen Diskurs ist die vielumworbene interna- tionale Wettbewerbsfähigkeit. Doch es ist ein Wettbewerb nach unten, für die meisten zumindest. Gänzlich übersehen wird, dass es vor allem auch die sozialen Errungenschaften sind, die Europa in den vergangenen 60 Jahren zu einem vergleichsweise friedlichen Zusammen- leben geführt haben und zum stärksten Wirtschaftsraum haben werden lassen. Heute ist sozialer Fortschritt wieder nö- tiger denn je. Marktgerechtigkeit ist nicht gleich soziale Gerechtigkeit. Sozia- le Gerechtigkeit relativiert das Urteil des Marktes. Doch was ist unter „GUTER Arbeit“ eigentlich zu verstehen? Verteilung der Arbeit „GUTE Arbeit“ bedeutet eine faire, ge- schlechter- und generationengerechte Verteilung der Erwerbsarbeit auf Basis sicherer Arbeitsplätze. Es darf nicht sein, dass die einen viel zu viel und andere zu wenig oder keine Arbeit haben. Das Pa- radoxe an der Sache ist, dass neben dem stetig steigenden Druck und den im in- ternationalen Vergleich langen Arbeits- zeiten immer mehr Menschen in Öster- reich keinen Arbeitsplatz finden. Eine faire Verteilung der Erwerbsarbeit würde nicht nur Teilhabe für die einen und Ent- lastungen für die anderen bringen. Sie wäre auch volkswirtschaftlich sinnvoll: Arbeitslosigkeit ist eine Vergeudung der wertvollsten aller „Ressourcen“. Weniger Menschen ohne Arbeit bedeuten für den Staat weniger Ausgaben (etwa durch die Arbeitslosenversicherung) bei gleichzeitig höheren Einnahmen (etwa durch steigen- Menschenrecht gute Arbeit Ist „GUTE Arbeit“ eine Utopie? Nein, wenn die arbeitsbezogenen Rechte der UN- Menschenrechtscharta aus dem Jahr 1948 umgesetzt und eingehalten werden würden. Philipp Gerhartinger Abteilung Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik der AK Oberösterreich Reinhard Haider Abteilung für Arbeitsbedingungen der AK Oberösterreich